Militärgeschichte für die russische Jugend

ZOiS Spotlight 38/2020 von Jade McGlynn (21. Oktober 2020)

Nachgebildete Szene des Zweiten Weltkriegs im Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau. © Dani Salvá / VWPics / Alamy Stock Foto

1. September 2020. Am ersten Tag des neuen Schuljahrs hören russische Kinder aufmerksam zu, wie ihr Präsident diejenigen verurteilt, die in Kriegszeiten mit dem Feind kollaborierten, ebenso wie deren heutiges Pendant: Alle, die sich für eine westliche Sicht auf die russische Geschichte einsetzen. Tonfall und Inhalt der Rede Wladimir Putins konnten in ihrer völligen Vorhersehbarkeit kaum schockieren. Sie waren Ausdruck einer seit mehr als acht Jahren von der Regierung vorangetriebenen Geschichtspolitik, die ein selektives Narrativ der russischen Geschichte propagiert, in dessen Mittelpunkt der Zweite Weltkrieg steht. In Russland der Große Vaterländische Krieg genannt stellt er ein verbindendes Element der russischen Identität dar. Um dieses Narrativ zu vermitteln, wurden unterschiedliche Initiativen und Regierungsorganisationen ins Leben gerufen, die eine patriotische Sichtweise insbesondere auf die russische Militärgeschichte fördern sollen.

An vorderster Front dieser Bemühungen steht die Russische Gesellschaft für Militärgeschichte (RVIO), die 2012 auf einen Erlass des Präsidenten hin gegründet wurde, um den Menschen Stolz auf die militärische Vergangenheit Russlands einzuflößen. Sie soll verwirklichen, was Putin 2012 in einem Aufruf an die Jugendorganisationen des Landes forderte: die Etablierung „lebendiger Formen des Patriotismus.“ Zu den fruchtbarsten Versuchen der RVIO auf diesem Gebiet gehören ihre militärhistorischen Ferienlager und Festivals, die von mehr als 20.000 jungen Menschen besucht werden, und ihre militärhistorischen Touren unter dem Titel „Pfade des Siegs“, die es in den letzten Jahren auf über 70.000 Teilnehmende zwischen zwölf und siebzehn Jahren brachten.

Die Vergangenheit nacherleben

Im Jahr 2015 veröffentliche die RVIO ein Handbuch, das Hinweise zum „korrekten“ Aufbau und Betrieb militärhistorischer Ferienlager enthält. Organisator*innen werden dazu angehalten, ausschließlich positive Versionen der russischen Geschichte zu vermitteln, und die Schüler*innen zu ermutigen, sich in die Rolle früherer Kämpfer*innen einzufühlen. Die Bedeutung, die der Große Vaterländische Krieg für die russische Kultur hat, spiegelt sich im Handbuch und in den vom RVIO organisierten Ferienlagern wider, die sich beide hauptsächlich mit den Jahren 1943 bis 1945 beschäftigen. Auch bei den dreiunddreißig verschiedenen Touren ist die zweite Hälfte des Krieges das häufigste Thema.

Um den jungen Teilnehmenden dabei zu helfen, sich in die Rolle verstorbener Kriegsheld*innen hineinzudenken, bieten die Ferienlager historische Reenactments an, die oft mit echter Militärausrüstung durchgeführt werden, die noch aus der Zeit des Krieges stammt. Als das Platsdarm-Ferienlager 2015 zum ersten Mal stattfand, wiederholten die Teilnehmenden einen 30 Kilometer langen Dreitagesmarsch, der ursprünglich von Soldaten der Roten Armee während der Verteidigung Leningrads unternommen wurde. Gekleidet in alten Kriegsuniformen wurden die Jugendlichen von 30 Militärgeräten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs begleitet.

Auch beim Festival Sabytyj podwig („Die vergessene Heldentat“) in Nowgorod schauen sich die Besucher*innen nicht nur professionelle Reenactments von Schlachten an, sondern können darüber hinaus auch an ihnen teilnehmen. Unter den „Pfade des Siegs“-Touren findet sich auch eine Reihe von Museumsbesuchen, bei denen die Teilnehmenden sich an Reenactments beteiligen, sich verkleiden und sogar einen lebensgroßen Nachbau eines Teils des deutschen Reichstagsgebäudes stürmen können, der im „Museum des Sieges“ in Moskau steht.

Auch Kriegsveteran*innen, die von ihren Erlebnissen erzählen, werden in die Ferienlager eingeladen. Dies soll den Schüler*innen dabei helfen, sich die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Die Orte, an denen die Ferienlager und Touren stattfinden, erfüllen eine ähnliche Funktion. Fast immer sind sie an historischen Orten gelegen, deren Geschichte sie in den Mittelpunkt rücken, um ein authentisches Erlebnis zu schaffen. Bei den Ferienlagern Platsdarm und Strana Geroew können sich die Teilnehmenden außerdem an Suchtrupps beteiligen, die die nahegelegenen Schlachtfelder nach den Überresten von Soldaten der Roten Armee durchkämmen, die dort gefallen sind. Neben einem authentischen Erlebnis sollen solche Aktivitäten eine persönliche, gar emotionale Bindung fördern. Das spiegelt sich in den Werbematerialien der Ferienlager wider. So finden sich in der Werbebroschüre des Ferienlagers Platsdarm aus dem Jahr 2015 Zitate des Präsidenten der RVIO Wladimir Medinskij, der von 2012 bis 2019 russischer Kulturminister war. Sie sollen die jungen Teilnehmenden daran erinnern, dass „dieses Land mit Blut getränkt, und deshalb heilig ist.“

Diese lebhafte Bildsprache wird mit dem Heroismus und Leiden der Roten Armee während des Krieges gerechtfertigt, aber es schadet womöglich den pädagogischen Zielen der Touren und Ferienlager, derart an die Gefühle der Teilnehmenden zu appellieren. Auch dass einige der Orte, an die die Touren führen, vor allem darauf ausgelegt sind, den Teilnehmenden eindringliche Erfahrungen zu bieten, unterläuft den vermeintlichen Bildungszweck solcher Initiativen. Besonders eine Tour durch die Ausstellung „Russland – Meine Geschichte“ sticht in dieser Hinsicht hervor. Die Ausstellung enthält keine historischen Exponate, sondern besteht lediglich aus Bildschirmen, auf denen die letzten 1.000 Jahre der russischen Geschichte auf eine höchst selektive Weise präsentiert werden. Das Bildungsministerium empfiehlt Schulkindern und Lehrer*innen den Besuch der Ausstellung, die an zweiundzwanzig verschiedenen Orten repliziert wurde, und lobt deren eindringlichen Charakter als eine besonders wirksame Art, einem jüngeren Publikum die russische Geschichte näherzubringen.

Mitreißende Erlebnisse, aber wenig Engagement

Indem sie auf Gefühle und fesselnde Erlebnisse setzen, versuchen die Ferienlager und Touren die russische Geschichte für die jungen Teilnehmenden lebendig zu machen und ihre Relevanz zu verdeutlichen. Mithilfe solcher mitreißenden Initiativen, die zudem immer größer werden, könnte die russische Regierung es theoretisch schaffen, eine einheitsstiftende Identität zukünftiger Generationen zu prägen, die auf geteilten Erinnerungen an die selbst nachgestellte und nacherlebte patriotische Geschichte beruht.

Um dieses Potential auszuschöpfen, muss die Regierung – und die RVIO – allerdings einige erhebliche Einschränkungen überwinden. Erstens finden, obwohl es auch in anderen Landesteilen Tochtergesellschaften gibt, fast alle Ferienlager und Touren im europäischen Teil des Landes statt. Vorhandene Pläne, militärhistorische Touren auch in den restlichen Regionen des Landes anzubieten, sind bisher nicht verwirklicht worden. Zweitens wird durch das Beharren auf einem patriotischen Geschichtsbild aktiv verhindert, dass sich die Teilnehmenden kritisch und mit einem gewissen intellektuellen Anspruch mit Geschichte auseinandersetzen. Außerdem pflegt die RVIO einen stark hierarchischen Führungsstil, der sicherstellen soll, dass die „richtige“ Geschichte gelehrt wird, den Teilnehmenden selbst aber wenig Möglichkeiten gibt, die Reenactments aktiv mitzugestalten. Während sie also zwar mitreißende Aktivitäten organisiert, werden dem aktiven Engagement der Teilnehmenden schon vor ihrem Eintreffen durch die Wahl der Orte und die organisatorischen Strukturen der RVIO Grenzen gesetzt.


Jade McGlynn forscht und lehrt an der Universität Oxford. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Frage, wie Geschichte von staatlichen und staatsnahen Akteuren in Russland innenpolitisch genutzt wird sowie außenpolitische und popkulturelle Themen.