Migration und ein neuer Patriotismus in Armenien

ZOiS Spotlight 2/2018 von Tsypylma Darieva (24.01.2018)

Noah steigt vom Berg Ararat herab. Ein Werk des russischen Malers armenischer Herkunft Iwan Aiwasowskij (1889).

Im Oktober 2017 verkündete Hranusch Akopjan, die armenische Ministerin für Diasporafragen, dass 2018 zum Jahr der Repatriierung in die Republik Armenien erklärt worden ist. Sie appellierte an alle ethnischen Auslandsarmenier, in die Heimat der Vorväter zurückzukehren. Gleichzeitig formulierte der Präsident Armeniens, Sersch Sargsjan, die Prognose, dass Armeniens Bevölkerung auf diese Weise bis 2040 die Zahl von vier Millionen erreichen werde, nicht durch einen Anstieg der Geburtenziffern und der Lebenserwartung, sondern durch eine „Rückkehr“ von Diaspora-Armeniern. Seit 1991 hat Armenien eine starke Emigration erlebt, meist als Arbeitsmigration. Wissenschaftler*innen warnen, dass bei einer Fortsetzung dieser Tendenz bis 2050 die demographischen Verluste Armeniens bis zu anderthalb Millionen betragen könnten (s. Pogosjan et al., 2017). Das Repatriierungsgesetz wurde noch nicht verabschiedet und wäre zudem nur auf fünf Jahre angelegt. So bedeutsam dieser demonstrative Ruf des Vaterlandes auch sein mag – es bringt Komplikationen mit sich, eine mächtigere und in höherem Maße heterogene Diaspora zu aktivieren.

Es gibt weltweit geschätzte acht Millionen ethnische Armenier. Allerdings leben nur bis zu drei Millionen von ihnen in Armenien selbst, einem verarmten, post-konfliktären südkaukasischen Staat mit eingeschränkten Ressourcen. Der Großteil der armenischen Diaspora ist über Russland, die Vereinigten Staaten, Kanada, Europa sowie den Nahen und Mittleren Osten verstreut. Die Beziehungen zwischen der weltweiten Diaspora und der armenischen „Heimat“ bleiben schwach und widersprüchlich. Während nur ein Teil der ethnischen Armenier die Republik als ihr „echtes“ Heimatgebiet betrachtet, scheint der armenische Staat eine systematisch „von oben herab“ betriebene Diasporapolitik zu verfolgen. Diese Politik betrifft drei exterritoriale Gruppen:

1) Angehörige der „älteren“ armenischen Diaspora, spjurk genannt, Bürger der USA, Kanadas oder Frankreichs, jene, die sich als Nachkommen von Überlebenden des Genozids definieren, die während des Ersten Weltkrieges aus dem Osmanischen Reich vertrieben wurden. Zahlenmäßig ist es die größte Gruppe innerhalb der armenischen Diaspora, kulturell assimiliert und in den westlichen Gesellschaften wohl etabliert.

2) Russischsprachige Personen mit armenischen Vorfahren bilden die Hauptgruppe potentieller Rückkehrer. Hier handelt es sich um diejenigen, die das postsowjetische Armenien im Laufe der letzten 25 Jahre als Arbeitsmigranten verlassen haben. Geschätzt eine Million Armenier leben in der Russischen Föderation und anderen postsowjetischen Ländern.

3) Ethnische Armenier, die sich im Nahen und Mittleren Osten niedergelassen haben, etwa als Angehörige der christlichen Minderheiten in Syrien, im Libanon oder im Irak, und die nie in Armenien gelebt oder die armenische Staatsbürgerschaft besessen haben. Seit 2014 sind ungefähr 20.000 ethnische Armenier aus Syrien in Armenien aufgenommen worden.

Mobilisierung emotionaler Bindungen zur Heimat

Nachdem 1998 eine Maßnahme verworfen wurde, die eine doppelte Staatsangehörigkeit erlaubt hätte, hat die armenische Regierung in den letzten zehn Jahren ihre Haltung in Bezug auf die Diaspora und die Emigranten fundamental geändert. Sie hat in Jerewan eine Reihe panarmenischer Konferenzen veranstaltet, 2006 ein Gesetz über die doppelte Staatsangehörigkeit verabschiedet und 2008 mit dem Ministerium für Diasporafragen eine neue Behörde für diesen Bereich geschaffen. Aufgabe des Ministeriums ist es, die formalen „Beziehungen zwischen Armenien und der armenischen Diaspora“ zu entwickeln, die armenische Kultur im Ausland zu fördern und für eine tiefere „geistige Bindung“ zu Armenien zu sorgen. Zu diesem Zweck hat das Ministerium für Diasporafragen ein neues Konzept unter dem Motto Hajadardzutjun („zurück zu den armenischen Wurzeln“) erarbeitet, das auf eine „geistige Repatriierung“ abzielt. Interessant ist, dass diese Ideen als Alternative zu einer tatsächlichen (physischen) Repatriierung verstanden werden. „Rückkehr“ bedeutet hier nicht die Annahme einer vollständigen, politischen Staatsbürgerschaft Armeniens, sondern eine symbolhafte, emotionale und mobile Art und Weise des Kontaktes mit der Heimat, nämlich kulturellen Slogans folgend, beispielsweise: „Bringe deine Talente und Fähigkeiten zurück in deine Heimat!“, „Zeichne deinen Familienstammbaum!“, „Mache alle drei Jahre einmal Urlaub in der Heimat!“. Armenische Wissenschaftler*innen erkennen hierin als zukünftigen Entwicklungsweg Armeniens das Modell einer kreislaufartigen Migration: „In Armenien leben und im Ausland arbeiten“, „in der Diaspora leben und in Armenien arbeiten“ (Pogosjan et al., 2017).

Diaspora als Ressource

Diese Tendenzen sind weder überraschend noch allein auf Armenien beschränkt. Immer mehr Länder richten ihre Politik darauf aus, die Ressourcen externer Akteure (Emigranten oder Angehörige der ethnischen Diasporen) anzuzapfen. Im postkommunistischen Europa werden die Diasporen zunehmend als wertvolle Ressource betrachtet, und als staatliche Kategorie, bei der mit einer aus der Sowjetzeit stammende Feindseligkeit gegenüber Exilanten gebrochen wird. Als Beispiel sei Kroatien genannt, das in den 1990er Jahren Trendsetter war, indem es das ethno-nationale Ich mit Hilfe einer Politik der postterritorialen Staatsbürgerschaft ausweitete (Délano und Gamlen, 2014). Das postsowjetische Kasachstan ermunterte die Immigration ethnischer Kasachen aus den umliegenden Regionen, um den Bevölkerungsanteil der Titularnation zu erhöhen. Auch die Ukraine, Aserbaidschan und Georgien verstärkten ihr Interesse an „ihren“ Emigranten. So erklärte der Präsident Aserbaidschans den 31. Dezember zum Tag der Solidarität für alle Aseri weltweit. Die beiden letztgenannten Länder schufen Diaspora-Ministerien, um zu versuchen, eine bessere Kontrolle über Angehörige ihrer Ethnie im Ausland sowie über die Geldflüsse der Expats herzustellen.

Es ist wenig überraschend, dass die Verkündung von „Rückkehr“ und eines postterritorialen Patriotismus überwiegend performative Züge trägt. Der neuverstandene armenische Patriotismus könnte in den politischen Diskursen anlässlich der im April 2018 anstehenden Präsidentschaftswahlen und des bevorstehenden hundertsten Jahrestages der ersten armenischen Republik (1918 – 1920) eine wichtige Rolle spielen.


Délano, A.; Gamlen, A.: Comparing and theorizing state-diaspora relations, in: Political Geography, 41.2014, pp. 43-53.

Pogosjan, G.; Arakeljan, I.; Ossipow, W.: Migrazija i depopuljazija w Armenii. Jerewan, 2017.


Tsypylma Darieva ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS und beschäftigt sich in ihrem Forschungsprojekt unter anderem mit der Transformation urbaner Räume und religiöser Pluralisierung in südeurasischen Metropolen.