Kunstgeschmack und soziopolitische Werte junger Russ*innen

ZOiS Spotlight 9/2020 von Félix Krawatzek (04.03.2020)

Ein junger Mann im Puschkin-Museum in Moskau. © Fifg / Alamy Stock Foto

Wie oft ein Mensch Kunstmuseen besucht und darüber mit Eltern oder Freund*innen spricht, prägt seine ästhetischen Vorlieben. Seit Bourdieu in seinem berühmten, 1984 erschienenen Buch „Die feinen Unterschiede“ mit der kantischen Vorstellung aufräumte, dass es einen reinen Geschmack für das ästhetisch Schöne gäbe, ist weithin anerkannt, dass kulturelle Geschmäcker durch soziale Faktoren bedingt sind. Der Kunstgeschmack einer Person spiegelt tendenziell ihre Erziehung, ihre soziale Herkunft und ihre momentane gesellschaftliche Stellung wider. Menschen neigen dazu, Kunst wertzuschätzen, die sie entschlüsseln können, oder anders ausgedrückt: Kunst, für die sie die nötigen ästhetischen Werkzeuge besitzen, um eine Ordnung in die Kombination von Farben und Formen zu bringen.

In zwei 2018 und 2019 online durchgeführten Umfragen unter Russ*innen im Alter von 16 bis 34 wollten wir die ästhetischen Präferenzen der Befragten verstehen. Wir präsentierten ihnen drei Bilderpaare: zwei Landschaftsmalereien, zwei Frauenporträts und zwei Bilder männlicher Arbeiter. In jedem Paar war ein Bild realistisch und das andere abstrakt. Die Teilnehmer*innen wurden gefragt, welche Version ihnen besser gefalle, und mithilfe der Ergebnisse wurde eine Drei-Punkte-Skala erstellt.

Im Allgemeinen zeigten die jungen Russ*innen eine starke Vorliebe für realistische Kunst. Von insgesamt 4.033 Befragten über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg zogen 2.186 alle drei realistischen Gemälde vor. 1.421 Befragten gefiel ein abstraktes Bild besser, 426 mehr als eines. Jüngere, Frauen, Menschen aus Städten wie Moskau oder Sankt Petersburg und Kinderlose bevorzugten abstrakte Kunst.

Diese ästhetischen Präferenzen untermauern die umfassendere kulturelle Orientierung einer Person, welche einen bedeutenden Einfluss auf ihre sozialen Werte ausübt, jedoch in keinem systematischen Zusammenhang mit ihren politischen Werten steht.

Soziale Werte

Die Umfrage umfasste auch Fragen dazu, wie junge Menschen sich ihre soziopolitische Gemeinschaft idealerweise vorstellen. Die Vorschläge reichten von Aussagen wie: “Russische Kultur und Geschichte sollten zum zentralen Bestandteil des Lehrplans in den staatlichen Grundschulen gehören“ bis zu: „Der Staat sollte von Firmen fordern, sich besonders zu bemühen, Migrant*innen aus dem näheren Ausland in ihr Unternehmen hereinzuholen“. Bei der ersten Aussage handelt es sich um ein Beispiel konservativ-nationaler Vorstellungen politischer Gemeinschaft, während die zweite für multikulturalistischere Ansichten steht.

Bei jungen Russ*innen korrelierte die Vorliebe für realistische Kunst stark mit der Unterstützung konservativer Vorstellungen von politischer Gemeinschaft. Insgesamt stimmten drei Viertel der Befragten zu, dass die russische Kultur und Geschichte in der Grundschuldbildung einen zentralen Stellenwert einnehmen sollte oder dass Kenntnisse der russischen Kultur und Geschichte bei der Vergabe der russischen Staatsbürgerschaft vorausgesetzt werden sollten. Diejenigen, die realistische Kunst vorzogen, stimmten mit einer 20 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einer der beiden genannten Aussagen zu. Zudem neigten Russ*innen unter 25 Jahren stärker dazu, solche konservativen Einstellungen zu teilen.

Wichtig ist, ästhetische Vorlieben spielten eine entscheidende Rolle bei der Sichtweise auf diese Aussagen, auch dann, wenn sozioökonomische Indikatoren wie Einkommen, Geschlecht, Bildung oder Religiosität miteinbezogen wurden. Keiner dieser Indikatoren korrelierte systematisch mit der Haltung der Befragten zu den vorgeschlagenen Aussagen.

Eine Vorliebe für abstrakte Kunst hing mit der Unterstützung einer Reihe von multikulturalistischen Aussagen zusammen, zum Beispiel, dass der russische Staat ethnische Vielfalt am Arbeitsplatz fördern solle. Insgesamt stimmten dem 20 Prozent der jungen Russ*innen zu. Bei denjenigen, die abstrakte Kunst bevorzugten, war die Wahrscheinlichkeit 30 Prozent höher, dass sie der Aussage zustimmten.

Die Reaktionen auf andere multikulturalistische Aussagen, zum Beispiel, dass die Kinder von Immigrant*innen das Recht haben sollten, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden, korrelierten nicht mit ästhetischen Vorlieben. Allerdings hing die Reaktion auf diese Aussage mit einigen sozioökonomischen Faktoren zusammen. Ältere Befragte stimmten ihr eher zu, genauso wie jene, die ein höheres Einkommen zur Verfügung hatten, und religiösere Menschen.

Ein weiterer bemerkenswerter Zusammenhang besteht zwischen dem Kunstgeschmack und der Annahme, dass die eigenen persönlichen Werte von anderen Menschen in Russland geteilt werden. Bei denjenigen, die sich sicher waren, dass ihre Werte von anderen geteilt werden, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie abstrakte Kunst vorzogen, um 20 Prozentpunkte geringer. Dieser Effekt blieb auch dann hochgradig relevant, wenn sozioökonomische Indikatoren miteinbezogen wurden.

Politische Werte

Angesichts der systematischen Beziehung zwischen Kunstgeschmack und sozialen Werten wäre zu erwarten, dass Vorlieben auch mit politischen Werten korrelieren. Schließlich weisen soziale und politische Werte untereinander eine starke Korrelation auf. Diese Erwartung wurde allerdings von den jungen Russ*innen nicht bestätigt.

Der Kunstgeschmack korrelierte weder mit dem Vertrauen, dass die Befragten in den russischen Präsidenten setzten, noch mit ihrer Haltung zum Protest, oder ihrem Interesse an Politik. Die einzige politische Dimension, die in einem stark mit ästhetischen Werten zusammenhing, war das Vertrauen in die russische Armee. Diejenigen, die realistische Kunst vorzogen, vertrauten dem Militär viel eher. Russland zeichnet traditionell das Bild einer Armee, die über die Zeiten hinweg stets das Mutterlands verteidigt hat. Dieses Bild kommt insbesondere in den Paraden zum Ausdruck, die jährlich zur Feier des Tags des Sieges abgehalten werden. Die Armee ist somit ein Symbol gesellschaftlicher Kontinuität und Stabilität. Menschen mit einem realistischeren Kunstgeschmack schienen diese Eigenschaft wertzuschätzen.

Der Kunstgeschmack eines Menschen verrät seine tieferen sozialen und, in einem geringeren Maße, politischen Werte. Junge Menschen mögen sich dieser Verbindung nicht bewusst sein. Es ist jedoch beachtlich, welche Rolle solche Vorlieben bei der Beurteilung der Gesellschaft spielen. Persönliche ästhetische Vorlieben bestimmen unbewusst die Entscheidungen eines Menschen und beeinflussen, wie er über seine Gesellschaft denkt und sich selbst in ihr verortet. Was er wertschätzt und was ihm missfällt, spiegelt seine Erziehung und seine gesellschaftliche Stellung wider, inklusive solcher Faktoren wie Bildung oder Einkommen.

Unter jungen Russ*innen ist dieser Effekt besonders in Hinblick darauf bemerkenswert, wie sich junge Menschen ihre soziokulturelle Gemeinschaft idealerweise vorstellen. Das deutet auf die langfristigen Effekte kultureller Sozialisation und sozialer Perspektiven hin und legt außerdem nahe, dass politische Werte in einer späteren Lebensphase geformt werden.


Félix Krawatzek ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZOiS.