Geschichtsloyal? Wie die Jugend in Russland die Geschichte bewertet

ZOiS Spotlight 39/2018 von Félix Krawatzek (14.11.2018)

Jedes Jahr am 9. Mai findet in ganz Russland die Aktion „Unsterbliches Regiment“ statt, bei der auch viele junge Russ*innen die Soldaten des Zweiten Weltkriegs ehren. © ZUMA Press, Alamy Stock Foto

Die politische Elite in Russland versucht mit großer Sorgfalt, die landesweit vorherrschende Geschichtsnarrative zu gestalten. Patriotische Erziehung und die Festigung des geistigen und moralischen Fundaments der Jugend stehen zu diesem Zweck seit einiger Zeit im Mittelpunkt. Olga Wasiljewa, derzeit Russlands Bildungsministerin, vertritt eindeutig stalinfreundliche Ansichten. Sie verweist darauf, dass Stalin die nationale Einheit hergestellt und die russische Sprache und Kultur geschützt habe. In dem eifrigen Wunsch, die geistigen Werte unter jungen Menschen zu fördern, verwies sie als Inspiration sogar auf die patriotische Erziehung in den USA.

In dieser Mischung aus konservativem historischen Patriotismus und Religiosität stellt standardisierter Geschichtsunterricht ein zentrales Element dar. Inwieweit die von der Elite betriebenen Initiativen in die Gesellschaft hineinwirken ist weitgehend unklar. Im April 2018 hat das ZOiS eine Online-Studie mit 2.000 Personen im Alter von 16 bis 34 Jahren aus großen städtischen Ballungsräumen in verschiedenen Teilen Russlands durchgeführt. Bei der Umfrage wurde auch nach der Bewertung der Geschichte gefragt.

Wissen über den Tag des Sieges

Der sogenannte Große Vaterländische Krieg nimmt im Bewusstsein der russischen Gesellschaft einen herausragenden Platz ein. Für Schüler*innen ist der 9. Mai, der Tag des Sieges, einer der wichtigsten Feiertage im Jahr. Neben der großen Militärparade hat das Gedenken an den Sieg der Sowjetunion über Nazideutschland viele Facetten, angefangen bei Kinderartikeln bis hin zur Teilnahme von jungen Menschen am Unsterblichen Regiment. Es ist somit wenig überraschend, dass nahezu alle Befragten (98 Prozent) das am 9. Mai gefeierte Ereignis korrekt benennen konnten. Allerdings sagt der Umstand, dass die Bevölkerung das Ereignis kennt, wenig darüber aus, ob die Menschen eine einheitliche Interpretation dazu haben und welche Bedeutung die Jugend diesem Ereignis zuschreibt.

Schlüsselereignisse der Geschichte

Die Umfrage umfasste daher auch eine offene Frage, bei der die Befragten das Ereignis nennen sollten, das sie für das Verständnis des heutigen Russlands am wichtigsten halten. Sie sollten darüber hinaus sagen, was sie damit assoziieren. Die drei am häufigsten genannten historischen Ereignisse waren der Zweite Weltkrieg (30 Prozent), der Zerfall der Sowjetunion (26 Prozent) und die Annexion der Krim durch Russland (18 Prozent).

Zweiter Weltkrieg: „Russland ist ein starkes und unbesiegbares Land“
Die Antworten der Befragten zum Zweiten Weltkrieg förderten eine ganz überwiegend positive Sicht auf den Krieg zu Tage. Es war ein bemerkenswertes Echo auf die Muster festzustellen, die über die offizielle politische Sprache propagiert werden, unter anderem, dass die Jugend verpflichtet sei, des Krieges zu gedenken. Die Befragten betrachteten den Zweiten Weltkrieg tendenziell als Symbol für Russlands Stärke und erinnerten sich an ihn wegen des nationalen Zusammenhalts, der angeblich geherrscht habe. Sie unterstrichen den Wert, kollektive Opfer für das höhere Gemeinwohl der Freiheit zu bringen, von dem man bis heute profitiere. Es waren einige wenige vorsichtig kritische Ansichten zu hören, die betonten, dass der Preis für diesen Sieg sehr hoch gewesen sei. Dies sei zum Beispiel an dem weithin herrschenden Hunger nach dem Krieg zu erkennen.

Die heutigen Geschichtsbücher an russischen Schulen konzentrieren sich alle auf die heroischen Aspekte des Krieges. Sie ignorieren den Hitler-Stalin-Pakt, stellen die sowjetische Invasion in Osteuropa als Befreiung dar und schenken den Repressionen unter Stalin nur wenig Aufmerksamkeit. Eines der Geschichtsbücher, erschienen im Verlag Prosweschtschenije und herausgegeben von Anatolij Torkunow, führt die Solidarität unter den Sowjetrepubliken als Hauptgrund für den Sieg an, und den Krieg als Grundlage für soziale Integration.

Perestroika: „Ein großes Land wird ruiniert“
Der Zerfall der Sowjetunion war das am zweithäufigsten genannte Ereignis, wobei zwei Drittel der Antworten Bedauern darüber zum Ausdruck brachten. Die Bewertungen variierten zwischen Äußerungen über eine höhere Lebensqualität während der Sowjetzeit und der Meinung, dass das Auseinanderbrechen der UdSSR die Quelle der derzeitigen Probleme sei. Ein Befragter beschrieb die neue Ära als die eines „totalitären Monarchismus und totaler Armut, Verderbtheit und totalen Banditentums“.

In diesen Einschätzungen erscheint die Sowjetunion frei von ethnischen Konflikten, und die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken wird als Verlust betrachtet, der zum „Kollaps eines großen Reiches“ und dem Ende einer „Freundschaft zwischen vielen Nationen“ geführt habe. Die Erfahrungen mit Demokratie nach dem Zusammenbruch werden negativ gesehen und als „Scheindemokratie“ beschrieben, die einen „Sieg der Heuchler über die Gerechtigkeit“ gebracht habe. Die Befragten mögen zwar das bestehende politische System in Russland nicht gut finden, doch lehnen sie die Demokratie als Alternative ab.
Einige wenige der Befragten meinten, dass der Zerfall der UdSSR zu einem „neuen Leben“ oder einem „neuen Kapitel“ in der Geschichte Russlands geführt habe. Die Zahl der positiven Einschätzungen war verschwindend gering. Nur zwei Befragte erwähnten den Versuch, ein modernes politisches System mit der Achtung der Rechte und Freiheiten des Einzelnen aufzubauen.

Krim: „Triumph der historischen Gerechtigkeit“
Das am dritthäufigsten genannte Ereignis war die Annexion der Krim. Auch wenn das vereinende Narrativ, das unmittelbar nach der Annexion geschaffen wurde, weniger sichtbar war als zuvor, spiegelt sich in den Umfrageergebnissen ein anhaltend enthusiastisches Gefühl wider. Es bleibt ein prägendes Ereignis, und 18 Prozent derjenigen, die die Krim nicht an erster Stelle genannt hatten, setzten das Ereignis an die zweite. Mehr als 80 Prozent der Befragten betrachten die Annexion als positiv für Russland – als „Rückkehr der Größe“. Die Befragten meinten, es wäre unrechtmäßig, wenn die Krim nicht zu Russland gehörte; die Annexion habe daher für „historische Gerechtigkeit“ gesorgt. Einige sagten sogar, die Lebensbedingungen der Bevölkerung dort hätten sich durch die Annexion verbessert.
Diese russlandzentrierte Perspektive wurde durch Antworten vervollständigt, die sich zu den internationalen Reaktionen äußerten, die als Beweis wahrgenommen wurden, dass sich die Welt gegen Russland verbündet habe, „entgegen dem Willen der Bürger*innen der Krim“. Das Referendum vom März 2014 wurde als demokratisch bewertet, da es den Menschen auf der Krim eine Stimme verlieh. Diese Antworten ließen den Umstand völlig außer Acht, dass das Referendum ukrainisches Recht verletzte und nicht internationalen Standards entsprach.

Die Bedeutung der drei historischen Ereignisse

Die Umfrage ermöglicht ein besseres Verständnis davon, in welchem Ausmaß die vom Staat entworfene Geschichtsnarrative bei jungen Bürger*innen Russlands Wirkung zeigt. Diejenigen, die angaben, sich stärker für Geschichte zu interessieren oder ein größeres Faktenwissen aufwiesen, waren eher bereit, auf die Fragen zu antworten.
Die Eliten hoffen, dass eine politisch gestaltete Repräsentation der Geschichte dabei helfen könnte, die heutige Gesellschaft in Russland mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen. Dies scheint von den Umfrageergebnissen bestätigt. In der Tat geht aus den Antworten nicht hervor, dass die jüngere Generation in Russland in Opposition zu den offiziellen historischen Narrativen und deren politischen Implikationen steht. Im Gegenteil: Die genannten historischen Ereignisse betonen die Bedeutung eines unabhängigen und starken Russland, das sich in seinem Handeln vom Westen abzugrenzen habe, um seine nationalen Interessen zu schützen.


Félix Krawatzek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZOiS. Eines seiner Forschungsprojekte befasst sich mit Jugend als politischer Akteur und gesellschaftliche Projektionsfläche.