Fußballpolitik in Russland: repressiv und rational

ZOiS Spotlight 22/2018 von Timm Beichelt (13.6.2018)

Der russische Präsident Wladimir Putin (mitte) mit FIFA-Präsident Gianni Infantino (links) und dem Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin (rechts) während der FIFA WM-Pokal-Tournee im September 2017 in Moskau. © Kremlin Pool / Alamy Stock Foto

Im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2018 steht das russische Engagement im Fußball in einem schlechten Licht. Den Zuschlag zur Austragung erhielt Russland im Jahr 2010 auf derselben Tagung des FIFA-Exekutivkomitees, auf der Katar auf skandalöse Weise zum Ausrichter der WM 2022 gemacht wurde. Obwohl der russischen Bewerbung selbst keine Korruption nachgewiesen wurde, steht sie für die fatale Entwicklung, dass für die Finanzierung des Weltfußballs offenbar nur noch maximale Renditen von Weltkonzernen und aus autokratisch geführten Staaten relevant sind. Und es gibt weitere Aspekte, die es für politisch Interessierte schwermachen, sich unbefangen auf die WM in Russland zu freuen: die Verletzung von Arbeits- und Sozialrechten beim Bau der Stadien, die offensichtliche Fehlallokation öffentlicher Mittel für einige überdimensionierte Arenen, die angekündigte Säuberung der Städte von Oppositionellen und Obdachlosen während der kommenden Wochen und nicht zuletzt die Überkommerzialisierung des öffentlichen Raums durch die FIFA und ihre Vertragspartner.

Was die Verstöße gegen politische und soziale Rechte angeht, so dürfte sich die russische Führung kaum von Vorwürfen aus dem Westen verunsichern lassen. Allzu leicht lässt sich darauf verweisen, dass es ähnliche Auswüchse auch schon bei den Weltmeisterschaften 2010 (Südafrika) und 2014 (Brasilien) gegeben hat. Die Unterordnung von Vereinen und Verbänden unter das korrupte und hyperkommerzielle Regime des internationalen Fußballs findet bekanntlich auch in Westeuropa statt. Und bekanntlich dauert das russische Engagement im europäischen Fußball schon seit Jahren an; Gazprom finanziert nicht nur den Bundesligisten Schalke 04, sondern auch die UEFA Champions League insgesamt.

Demokratisierung? Unwahrscheinlich

Es ist daher wohl verfehlt, wie noch vor den Olympischen Spielen 2008 in Beijing darauf zu setzen, dass ein Sportgroßereignis zu einem Demokratisierungsschub führen könnte. Eher das Gegenteil ist der Fall, wenn Autokratien ihre Praktiken der Repression und Machtkonsolidierung bereits seit längerer Zeit erprobt haben. Um trotz autoritärer Machtausübung überleben zu können, benötigen Regimes Maßnahmen, die den individuellen Freiheitsberaubungen andere Aspekte entgegenstellen. Dazu gehören Sicherheitsversprechen, die mit einer hohen Präsenz von Sicherheitskräften vor und während eines Großereignisses gut zu erfüllen sind. Dazu gehört auch die Vorstellung, die öffentliche Hand investiere in die Infrastruktur, wofür neue Sportarenen und Verkehrsverbindungen plausible Symbole sind.

Und so gilt mittlerweile als ausgemacht, dass autokratische Regimes wenigstens kurzfristig vom Abhalten sportlicher Großevents profitieren. Einige positive Konsequenzen sind unstrittig, und solange in einem Land wie Russland die Medien, die Zivilgesellschaft und die Opposition kontrolliert werden, können die langfristigen negativen Folgen im innenpolitischen Diskurs zur Seite gedrängt werden.

Fußball, das Machtinstrument

Allerdings birgt die russische Fußballpolitik noch eine weitere Dimension – eine Strategie von „soft power“, die nicht nur negativ zu beurteilen ist. Die russische Fußballpolitik lässt sich auf den Nenner der weichen Herrschaftstechnologie bringen, die von Autoren wie Lew Gudkow, dem Leiter des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, oder dem Schweizer Slawisten Ulrich Schmid seit mehr als einem Jahrzehnt für Russland diagnostiziert wird. Sie besteht darin, die Instrumente der Exekutive unter der Missachtung möglicher Gegengewichte zu stärken und diese zugleich gezielt mit Narrativen zu umranken, die in der russischen politischen Kultur anschlussfähig sind.

Diese Narrative sind allgemein bekannt: die Würdigung der starken und verlässlichen Machtvertikale im Inneren, das Unterstreichen der großen Geschichte Russlands und der Sowjetunion, die Klage gegen die vermeintlich aggressive NATO und ihrer Mitgliedstaaten, das Propagieren der rohstoffbasierten Wirtschaftsstärke und die Verteidigung der Interessen Russlands und russischer Staatsbürger*innen im sogenannten Nahen Ausland. Sie alle finden sich in der russischen Fußballpolitik:

-   Die Vereine Dynamo und CSKA Moskau werden durch Unternehmen und Personen aus dem Kreis der Silowiki, also der Angehörigen der Armee, der inneren Sicherheitsdienste sowie der Geheimdienste gesponsert. Weitere Vereine der einheimischen Premjer Liga werden direkt aus dem Staatshaushalt finanziert.

-   Die Sponsoren von Zenit St. Petersburg (Gazprom) sowie von Spartak Moskau (Lukoil) nutzen den Fußball in Russland ebenso wie in Gesamteuropa, um Absatzinteressen strategischer Rohstoffe zu verwirklichen.

-   Die im Staatsbesitz befindliche VTB-Bank, die Nachfolgerin der ehemaligen Außenhandelsbank Wneschtorgbank, finanziert Vereine in der armenischen und georgischen ersten Liga und darüber hinaus die georgische Nationalmannschaft.

Vorwurf Doppelmoral

Über alledem hängt ein Begründungsnarrativ, an dem die russischen staatlichen Medien ebenfalls seit Jahren arbeiten: der stetige Hinweis auf die vermeintliche Prinzipienlosigkeit des Westens und seiner Werte. Und es lässt auch nicht von der Hand weisen, dass das Lamento über eine aggressive Außenpolitik nicht besonders glaubwürdig ist, wenn z.B. die Finanzen von Gazprom im internationalen Fußball gerne angenommen werden. Und während dem Staatsdoping in Russland Sondersendungen gewidmet werden, wird Dopingvorwürfen im westlichen Sport seitens der Verbände und auch der Medien kaum Interesse entgegengebracht. Die dem Kreml nahestehende Propagandamaschine hat daher ein leichtes Spiel, dem Westen doppelte Standards auch im Feld des Fußballs nachzusagen.

In der russischen Fußballpolitik halten sich also zwei Hauptmotive die Waage. Einerseits wird die Politik der gesellschaftlichen Repression fortgeführt, die das Russland der letzten Jahre bestimmt hat. Andererseits setzen verschiedene staatliche Stellen den Fußball in den Dienst einer nationalen Mission, die zwar zurecht viel Kritik auf sich zieht, die aber bei nüchterner Betrachtung recht konsistent ist.

Fußballerisch äußert sich der nationalistische Kurs übrigens in einem Kader, der mit zwei Ausnahmen ausschließlich aus Spielern besteht, die in der Premjer Liga ihr Geld verdienen. Ob die Strategie von Erfolg gekrönt ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Längerfristige Impulse für einen Politikwechsel in Russland dürften jedoch vom Abschneiden des russischen Teams bei der Weltmeisterschaft kaum ausgehen.


Prof. Dr. Timm Beichelt ist Professor für Europa-Studien an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Gerade hat er das Buch „Ersatzspielfelder - Zum Verhältnis von Fußball und Macht“ veröffentlicht, in dem er Beispiele aus Deutschland, Frankreich und Russland aufzeigt.


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