„Es geschah vor Kurzem“? Das historische Bewusstsein junger Pol*innen

ZOiS Spotlight 35/2019 von Nadja Sieffert (25.09.2019)

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. © Wojciech Stróżyk / Alamy Stock Foto

Bei seinem Besuch im polnischen Wieluń bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs um Vergebung. Er tat dies auch auf Polnisch in einem Land, in dem Debatten um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg emotionalisiert geführt werden. Diese historischen Kontroversen drehen sich in den letzten Jahren zunehmend um das geschichtspolitische Narrativ der aktuellen nationalkonservativen Regierung, wie bei der Debatte um die Konzeption des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, die jüngst vier polnische Historiker dazu bewog, den neuen Direktor des Museums zu verklagen.

Das historische Bewusstsein der jungen polnischen Bevölkerung zeigt sich im Rahmen einer im Februar 2019 durchgeführten Online-Umfrage des ZOiS. Etwa 2000 Pol*innen zwischen 16 und 34 wurden nach dem wichtigsten historischen Schlüsselereignis gefragt, um das heutige Polen zu verstehen, und was sie mit diesem assoziierten.[1] An erster Stelle wurde das Ende des Kommunismus 1989 genannt (von etwa 14 Prozent), knapp dahinter der Zweite Weltkrieg, an dritter Stelle die Unabhängigkeit von 1918 und an vierter Stelle der EU-Beitritt 2004.

Anzahl der Antworten auf die Frage nach dem wichtigsten historischen Ereignis. © ZOiS

Das Ende des Kommunismus

Das Ende des Kommunismus wurde überwiegend positiv bewertet. Fast jede*r Dritte assoziiert damit das Erlangen von Demokratie und Meinungsfreiheit. Die wiedergewonnene staatliche Unabhängigkeit nennen etwa ein Viertel. Etwa genauso häufig werden ökonomische Aspekte, wie die Angleichung des Lebensstandards an den Westen genannt.

„Ein politischer Wandel, der es uns erlaubte, eine freie Regierung zu bilden, den Bürger*innen mehr Raum zu geben und die Wirtschaft zu befreien.“
(Antwort einer*s Befragten)

Negative Assoziationen beziehen sich überwiegend auf die Gespräche am Runden Tisch zwischen Vertreter*innen der kommunistischen Partei und der gesellschaftlichen Opposition, bei denen 1989 einschneidende politische Veränderungen beschlossen wurden. Darin sehen einige eine fehlende „Dekommunisierung“ bzw. eine mangelnde Verurteilung von Kommunist*innen und deren Einfluss gar bis heute. Vor allem Politiker*innen der PiS argumentieren seit Jahren, dass ehemalige kommunistische Eliten zu viel Einfluss im Land hätten. Wenige andere Befragte kritisieren eine wahrgenommene Kontinuität der politischen Akteur*innen aus der Zeit des Runden Tisches bis heute, die zu einer Spaltung des Landes beigetragen hätten. Deutlich wird jedoch, dass die Mehrheit der jungen Pol*innen das Ende des Kommunismus heute zunächst mit einer positiven politischen und auch wirtschaftlichen Entwicklung verbindet.

Der Zweite Weltkrieg

Seit dem Ende des kommunistischen Regimes sind ein vielfältiger öffentlicher Diskurs um den Zweiten Weltkrieg in Polen und zahlreiche Museen entstanden. Zuletzt dominierte jedoch die Konfliktlinie zwischen der nationalkonservativen Geschichtspolitik der Regierung, die Erinnerung staatlich kontrollieren möchte, und den Gegenstimmen. Motive dieses nationalkonservativen Narrativs sind die besondere Betonung des Heldentums der polnischen Nation, der polnischen Opfer sowie der Rettung der jüdischen Bevölkerung durch Pol*innen. Was nach graduellen Unterschieden in der polnischen Geschichtspolitik klingt, ist das Negieren von historischer Komplexität und kann zu Konflikten mit anderen Staaten führen.

Die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs als bedeutendes historisches Ereignis teilen fast 14 Prozent der Befragten und etwa genauso viele nennen diesen als zweitwichtigstes Ereignis. In den Worten eines Befragten geschah der Zweite Weltkrieg „vor Kurzem“. Mehrere äußern explizit, dass die Auswirkungen die polnische Gesellschaft bis heute prägten.

„Das war eine traumatische Erfahrung für Pol*innen, Geschichte wird von Generation zu Generation weitergegeben, und die Pol*innen leben noch in der Vergangenheit […]”.
(Antwort einer*s Befragten)

Die Begründungen fallen besonders vielfältig aus. Einerseits sind es die vielen Ermordeten und unschuldigen Opfer, die jede*r Vierte der Antwortenden angibt, wobei Pol*innen, Jüd*innen und die Intelligenzija genannt werden. Andererseits nennt jede*r Fünfte auch die Zerstörung des Landes, den nötigen Wiederaufbau und die einhergehende verzögerte wirtschaftliche Entwicklung. Dass viele junge Pol*innen die wirtschaftlichen Folgen des Zweiten Weltkriegs als so wichtig für das heutige Polen wahrnehmen, deckt sich mit den seit 2017 geäußerten Forderungen der Regierung nach deutschen Reparationszahlungen, bestätigt jedoch nicht deren Unterstützung.

Heroische Konnotationen wie die Stärke der Pol*innen, der Wille der Kämpfenden und die entstehende Nation werden von etwa 12 Prozent genannt. Hier zeichnet sich das, wenn auch nicht weit verbreitete, nationalkonservative Narrativ ab, wie es sich auch in den Assoziationen zum Warschauer Aufstand zeigt – Kampf, Mut und der Charakter der polnischen Nation. Diese Gegenerzählung zur traditionellen Fokussierung auf die polnische Martyrologia, also das Verständnis der polnischen Geschichte primär als eine von Opfern, findet sich in den letzten Jahren ebenso in Veröffentlichungen des staatlichen Instituts für nationales Gedenken.

Detailliert Geschichtskenntnisse

Des Weiteren gaben einige Befragte historische Ereignisse an, die weitaus länger zurückliegen, wie die Christianisierung Polens im Jahre 966. Knapp vier Prozent bewerteten diese als Schlüsselereignis – fast so häufig wie den EU-Beitritt. Viele sehen darin den Beginn der Geschichte Polens als Nation und betonen, dass Polen katholisch sei; einige wenige bemängeln den starken Einfluss der Kirche bis heute. Die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert, die bis zur erneuten Gründung des polnischen Staates 1918 bestanden, werden von vielen unter anderem mit der heutigen wirtschaftlichen und kulturellen Spaltung in „Polen A und B“, also zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes, in Zusammenhang gebracht.

Insgesamt zeugen die Ergebnisse weniger von Nostalgie, als von einem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein junger Pol*innen, die vielfältige Assoziationen insbesondere zum Ende des Kommunismus und zum Zweiten Weltkrieg nennen und diese auch auf heute beziehen. Elemente der nationalkonservativen Geschichtspolitik klingen bislang kaum durch. Es bleibt jedoch die Frage, wie sehr junge Pol*innen, die beispielsweise durch die Bildungspolitik, öffentliche Kampagnen oder multimediale Museen direkt adressiert werden, diese verinnerlichen. In den nächsten Wahlen des polnischen Parlaments im Oktober dieses Jahres wird sich zeigen, ob die seit 2015 amtierende rechtskonservative Regierung das historische Bewusstsein junger Pol*innen in Zukunft stärker prägen wird.


[1] Von 2002 Befragten beantworteten 1321 Personen die Frage nach dem wichtigsten historischen Schlüsselereignis.

Nadja Sieffert studiert Osteuropastudien mit Schwerpunkt Soziologie am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Sie ist wissenschaftliche Hilfskraft am ZOiS.