Die Medien in Russland und der Klimawandel in der Arktis

ZOiS Spotlight 33/2019 von Dmitry Yagodin (11.09.2019)

Trotz Klimawandels dominieren in der russischen Arktis wirtschaftliche Interessen. © Bogomyako/ Alamy Stock Foto

Der russische Teil der Arktis steht vor einer beispiellosen industriellen Entwicklung und einem raschen ökologischen Wandel. Während die Regierung die weitere Ausbeutung der weltweit reichsten Vorkommen an Bodenschätzen anstrebt, wirkt sich der Klimawandel in der Arktis rasanter aus als im globalen Durchschnitt. Doch wie es einige Medien in Russland gerne darstellen, lasse der Klimawandel einfach das kalte Klima des Landes wärmer werden. Für die Menschen, die in der Arktis leben, sind solche Sichtweisen allerdings zu vereinfachend.

Die US-amerikanischen Politikwissenschaftler*innen Fiona Hill und Clifford G. Gaddy argumentieren in ihrem 2003 erschienenen Buch The Siberian Curse, dass die beschleunigte Urbanisierung Sibiriens – und der Arktis – ein Fehler der sowjetischen Planwirtschaft gewesen sei; ein Fehler, der korrigiert werden müsse. Bei rauem Klima und großen Entfernungen seien eher kleinere Siedlungen für Schichtarbeiternde zweckmäßig und nicht große Städte mit einer dauerhaften Bevölkerung. Hohe Lebenshaltungskosten, karge Gegenden und schlechte Straßenverbindungen würden einen solchen Prozess in einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft unmöglich machen. In der Öffentlichkeit stehende Intellektuelle und überregionale Medien haben das Buch heftig kritisiert: Eine von fossilen Brennstoffen getriebene Wirtschaft zahlt sich für eine irrationale Stadtplanung aus, während bessere Technologien und gemäßigtere Winter die Sorgen der Menschen mildern.

Die Realität ist jedoch komplizierter. Das Problem ist, dass der Klimawandel nicht einmal bei Medien und Journalist*innen, die in der Arktis angesiedelt sind, auf der Agenda steht. Auf einem Kongress von Arctic Media World in Salechard (Russland) hatten norwegische und schwedische Journalist*innen im Dezember 2018 einen schweren Stand, als sie mit ihren Kolleg*innen aus dem russischen Teil der Arktis über die Risiken des Klimawandels sprechen wollten. Sie hatten schlichtweg unterschiedliche Ansichten zu Umweltfragen.

Der Fluch ist noch nicht vorbei

Die Arktis ist wegen ihrer enormen Vorräte an natürlichen Ressourcen attraktiv. Die industrielle Entwicklung im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen im Nordwesten Sibiriens umfasst Riesenprojekte wie die Gasverflüssigungsanlage in der Nähe des Hafens Sabetta, 600 Kilometer nördlich des Polarkreises. Das in den 1950er Jahren verworfene Projekt einer Eisenbahnverbindung von Salechard nach Igarka ist nun als sogenannte Polarkreisbahn wiederbelebt worden. Darüber hinaus bedeuten die Pläne für eine Entwicklung des Nördlichen Seeweges (Nordostpassage) und zum Ausbau der atomaren Eisbrecherflotte die Wiederbelebung alter Häfen sowie den Bau neuer Häfen und Wetterstationen entlang der arktischen Küste.

Natürlich sind das beliebte Themen der Nachrichtenmedien des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen. Allerdings werden kaum Fragen zur wirtschaftlichen Durchführbarkeit und Rationalität der Projektkosten in Anbetracht des Klimawandels aufgeworfen.

Hill und Gaddy haben über Sibiriens „Fluch“ im Allgemeinen geschrieben, doch ist ihre Argumentation insbesondere für Regionen wie den Kreis der Jamal-Nenzen relevant, in denen wirtschaftliche Entwicklung und ökologischer Wandel Hand in Hand gehen. Die Hälfte der gesamtarktischen Bevölkerung, rund zwei Millionen Menschen, lebt in Russland – davon eine halbe Million im Kreis der Jamal-Nenzen. In der dortigen Öffentlichkeit stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, überdies unterschätzen die lokalen Nachrichtenmedien die Gefahren der Erderwärmung oder stellen die Forschungsergebnisse zum Klimawandel falsch dar. Während meiner Feldforschung im Kreis der Jamal-Nenzen im August und Dezember 2018 habe ich festgestellt, dass sich die Journalist*innen vor Ort zum einen der Tatsache bewusst sind, dass menschliches Handeln, insbesondere die Verbrennung fossiler Treibstoffe, der Hauptgrund für den beschleunigten Klimawandel ist. Zum anderen wird diese Tatsache verdrängt.

Eine angemessene Reaktion braucht kritische Medien

In der sich rasant wandelnden Umwelt der Arktis wird die industrielle Entwicklung noch teurer und riskanter als zuvor. Allerdings zeigt unsere Forschung für das internationale Mediaclimate-Projekt, dass Journalist*innen aus Russland zu denjenigen gehören, die zum Thema Klimawandel am wenigsten wissen oder das geringste Interesse zeigen. Auch wenn die meisten Klimaforscher*innen in Russland dem globalen wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel zustimmen, wird das Thema von den Medien in Russland weiterhin als politisiert und mit Ungewissheiten und Verschwörungstheorien gespickt betrachtet. Und selbst wenn Journalist*innen diesem Konsens folgen, tendieren sie dazu, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse zu vereinfachen, indem sie sie auf wärmeres Wetter und mildere Winter reduzieren und dies als positiven Wandel in den ansonsten frostigen Bedingungen der Arktis betrachten. Für sie sieht es so aus, als würde die Erderwärmung den Fluch Sibiriens lindern.

Es ist jedoch Realität, dass durch die globale Erwärmung der sibirische Permafrostboden auftaut, die Zahl der Extremwetterereignisse zunimmt, alte Infrastruktur zerfällt und neue Entwicklungsprojekte komplizierter werden. 2014 ließen kurze Perioden von Frost und Tauwetter im Kreis der Jamal-Nenzen eine Eiskruste auf den Weidegründen der Rentiere entstehen, wodurch zehntausende Tiere verhungerten. Der heiße Sommer 2016 ließ Jahrhunderte alte Rentier-Kadaver auftauen, was einen Milzbrand-Ausbruch auslöste. Naturwissenschaftler*innen haben auf der Jamal-Halbinsel jüngst ein neues Phänomen entdeckt: Kryovulkane werden aktiv, explodieren und setzen große Mengen Methan frei, was den Treibhauseffekt in der Atmosphäre verstärkt.

In solchen Notlagen haben Journalist*innen aus dem Kreis der Jamal-Nenzen gewöhnlich nur Zugang zu offiziellen Quellen. Die Nachrichtenredaktionen können es sich nicht leisten, Reporter*innen mit Helikoptern in entlegene Gegenden zu schicken. Kritische Reportagen oder Recherchen zu den Ursachen für solche Vorkommnisse sind nicht vorrangig. Hauptaufgabe ist die Vorbeugung gegen Panik. Für eine angemessene Reaktion sind jedoch eine breitere Diskussion und eingehende Analysen erforderlich. Die Folgen des Klimawandels und der Einfluss der Industrie unter diesen harten Umwelt- und Wirtschaftsbedingungen fordern zunehmend ihren Tribut. Der Journalismus in der Arktis besitzt das wichtige Potential, den Gemeinschaften dort bei der Bewältigung des sibirischen Fluches zu helfen.


Dmitry Yagodin ist Postdoktorand in der „Research Group on the Russian Environment“ am Aleksanteri Institute der Universität Helsinki.