Der Gedenktag des armenischen Genozids nach der „samtenen Revolution“

ZOiS Spotlight 16/2019 von Tsypylma Darieva (24.04.2019)

Gedenkveranstaltung zum Völkermord an den Armeniern in Los Angeles. © Hayk Shalunts/Alamy

Am 24. April begeht die Republik Armenien den nationalen Gedenktag des armenischen Genozids. Das Datum erinnert an die Verhaftung armenischer Intellektueller in Istanbul im Jahr 1915 während des ersten Weltkriegs und die darauffolgende Vertreibung sowie den Massenmord an Armenier*innen auf dem Territorium des Osmanischen Reichs.

Das armenische Trauma und der Kampf um die politische Anerkennung des Genozids durch die benachbarte Türkei stehen seit den 1990er Jahren im Vordergrund der armenischen Identitätspolitik. Was einmal eine halb tabuisierte Trauerkultur in privaten Räumen war, ist nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts das zentrale Symbol des nationalen Identitätsnarrativs geworden. Erinnerungen an die traumatische Vergangenheit nehmen sowohl in Armenien selbst als auch außerhalb des Landes im öffentlichen Gedächtnis viele Formen an, seien es Aufforderungen seitens der Diaspora-Gemeinschaften zur globalen Anerkennung bis hin zur internationalen Instrumentalisierung des Gedenktages. Wie sehr das Kämpfen um die internationale Anerkennung des armenischen Völkermordes die armenische Opferidentität geprägt hat, zeigt die Tatsache, dass im Vergleich zu den baltischen Republiken oder Georgien die Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit im postsowjetischen Armenien bislang wenig Beachtung hat.

Vergangenheitsorientierte Identitätspolitik?

Die auf die entfernte Vergangenheit orientierte Erinnerungskultur betrifft alle Generationen und bildet auch einen wesentlichen Teil der grenzüberschreitenden armenischen Identität. Neben der zentralen Veranstaltung des Gedenktags in Jerewan, der traditionellen Trauerprozession vom Republikplatz zum Denkmal des armenischen Genozids auf dem Berg Tsitsernakaberd, etablierte sich Anfang der 2000er Jahre ein von jungen Armenier*innen angeführter spektakulärer Fackelzug. Das Ende des Fackelzugs ist der Hügel am Denkmal, wo abends die dramatische Kulisse mit dem heiligen Berg Ararat im Hintergrund besonders beeindruckend ist. Der Berg Ararat steht 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Jerewan, allerdings auf der anderen Seite der geschlossenen armenisch-türkischen Staatsgrenze.

Auch in diesem Jahr sind die Praktiken des Erinnerns sichtbar und folgen festen Strukturen, dennoch hat sich der gesellschaftliche Kontext in Armenien verändert. Schon im April 2018 war die Stimmung in Jerewan anders als in den vergangenen Jahren vor dem Gedenktag. Ein Jahr nach der „samtenen Revolution“ ernannte der neue Ministerpräsident Nikol Paschinjan den letzten Samstag im April zum neuen nationalen Feiertag, dem „Tag der Bürger“.

Der neue Feiertag kann zu unterschiedlichen Zwecken und nicht zuletzt zur Verfestigung einer neuen politischen Orientierung dienen, die Armeniens nationale Gegenwart und Zukunft besser an das multipolare Zeitalter anpassen soll. Armenien verfolgt politisch und gesellschaftlich eine komplementäre Strategie, wobei es dem Land gelingt, trotz der ökonomischen sowie der sicherheitspolitischen Abhängigkeit von Russland auch zum Westen stabile Brücken und Beziehungen aufzubauen. Die Mitgliedschaft in der eurasischen Zollunion hielt Armenien nicht davon ab, im November 2017 einen CEPA-Vertrag über eine erweiterte Partnerschaft mit der Europäischen Union zu unterschreiben. Das auffällige Schweigen Russlands kann darauf hindeuten, dass Armeniens Weg nach Europa von Russland toleriert wird und dass solche Entwicklungen sogar von Vorteil sein können. Armenien sieht darin keinen großen Widerspruch. Somit kann die geopolitisch isolierte Lage der kleinen Nation einen flexiblen Zwischenraum für zukünftige Aushandlungen bieten.    

Die Internationalisierung des Gedenktages

Die fortdauernde Aktualität des Gedenkens an die armenischen Opfer auf internationaler Bühne ist bemerkenswert. Mehr als zwanzig Staaten bezeichnen den Massenmord inzwischen als Völkermord, darunter auch Deutschland. Die Türkei bestreitet das Ausmaß der Tragödie, die Zahl der Opfer (1,5 Millionen), und dass es sich um staatlich organisierte Vertreibung handelte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verkündete am 7. Februar 2019 seine Absicht, das Gedenken an die Opfer des armenischen Genozids in die Reihe nationaler französischer Gedenktage zu integrieren. Medien zufolge löste Macron mit der Ausrufung des Gedenktages bei der armenischen Minderheit in Frankreich ein Wahlkampfversprechen ein. Die türkische Regierung reagierte darauf erwartungsgemäß mit scharfer Kritik und beschuldigte Macron des Populismus.

In der internationalen Gedächtnispolitik spielt die zahlenmäßig starke armenische Diaspora eine Schlüsselrolle. Sie beteiligt sich aktiv an Ideen und Konzepten des Erinnerns, zum Beispiel am Museum für den armenischen Völkermord in Jerewan oder den hundertsten Gedenktag im Jahr 2015. Insbesondere die größte US-amerikanisch-armenische Diasporaorganisation The Armenian American Assembly machte es sich in den 1990er Jahren zur Aufgabe, die Erinnerung an die Vertreibung und den Völkermord weltweit ins Wissensnetzwerk einzubinden und dies global zu institutionalisieren. Zahlreiche Aktionen, Veranstaltungen, Kunstprojekte und Konzerte in den USA, Kanada und Frankreich trugen der Popularisierung des Gedenktages bei. So markiert der nordamerikanische Bundesstaat Massachusetts in diesem Jahr den Gedenktag durch die Errichtung von fünf digitalen Reklameschildern mit dem Slogan “Never Forget”, um die internationale Ländergemeinschaft an alle Völkermorde zu erinnern.

Öffentliche Erinnerungen an die Massenvertriebung haben eine lange Geschichte. Während Chruschtschows „Tauwetter-Periode“ im April 1965 versammelten sich etwa Tausende von Bürger*innen auf dem Lenin-Platz in Jerewan. Mit dem Slogan „Länder, Länder!“ forderten die Demonstrant*innen, neben der Anerkennung der Massaker durch die zentralen Behörden in Moskau, die von Stalin versprochene Rückgabe der an die Türkei verlorenen Gebiete. Die gegen die Autoritäten gerichtete Demonstration war der erste öffentliche Protestausdruck gegen die politische Tabuisierung der armenischen Tragödie. Nach der friedlichen Demonstration kam es schnell zu einer entsprechenden Parteientscheidung und innerhalb kurzer Zeit wurde 1967 die Genozid-Gedenkstätte in Jerewan errichtet.

Der gesellschaftliche und politische Umgang mit den Erinnerungen an das armenische Trauma erfolgt zum größten Teil vergangenheitsorientiert. Die Frage ist, inwieweit die armenische Diaspora, die einen Anspruch auf die Mitgestaltung der „alten Heimat“ erhebt, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Identitätsangebote für den jungen Nationalstaat anbieten kann. Denn die Rolle der armenischen Diaspora während der Massenproteste der friedlichen Revolution im Jahr 2018 in Armenien war gering. Vertreter*innen der Diaspora beobachteten die Geschehnisse aus der Ferne. In diesem Kontext wird sichtbar, wie sehr die diasporische Identität an die Opferidentität gebunden ist und wie sehr sich die moderne armenische Nation nach neuen Orientierungen sehnt.


Tsypylma Darieva ist Sozialanthropologin am ZOiS, wo sie unter anderem das Projekt Transformation urbaner Räume und religiöse Pluralisierung im Südkaukasus entwickelt.