Der 9. Mai: Die umkämpfte Erinnerung an das Kriegsende

ZOiS Spotlight 17/2020 von Sandra Dahlke (29.04.2020)

Gedenken zum „Tag des Sieges“ 2019 auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. © Nikolay Vinokurov / Alamy Stock Foto

Am 16. April verkündete Präsident Wladimir Putin in einer Fernsehansprache, dass die diesjährige Parade anlässlich des Sieges der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland aufgrund der Covid-19-Pandemie verschoben werden müsse. Das gleiche gelte für Gedenkveranstaltungen in den Regionen sowie für die Initiative „Unsterbliches Regiment“. In seiner Ansprache bezeichnete Putin den 9. Mai als „heiliges Datum“ und das Gedenken an den sowjetischen Sieg als verbindendes Element für die gesamte Gesellschaft. Die Verschiebung der Siegesparade ist vor dem Hintergrund des 75. Jahrestags seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie einer generellen Repatriotisierung staatlich gesteuerter Erinnerungspolitik ein gravierender Einschnitt.

Die Bedeutung des 9. Mai im postsowjetischen Raum

Der „Tag des Sieges“ hat in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in Israel und anderen Ländern mit hohem russischen Bevölkerungsanteil eine große Bedeutung. Angesichts der 26 bis 27 Millionen Toten, der Verwüstungen des NS-Besatzungsregimes, der Millionen Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen gibt es nahezu keine Familie, die keine Opfer des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion zu beklagen hat. In Russland ist der 9. Mai neben dem Neujahrsfest der wichtigste Nationalfeiertag. Er ist sowohl staatlicher Gedenktag, der nach innen den Patriotismus der Bürger*innen stärken soll und gleichsam einen Interpretationsrahmen russischer Außenpolitik setzt, als auch Familien- und Volksfest. Seit dem Ende der Sowjetunion haben sich die Gedenkpraktiken zunehmend ausdifferenziert und individualisiert. Jedoch wirken und reagieren staatliche, zivilgesellschaftliche, familiäre und individuelle Gedenkpraktiken aufeinander. Das zeigt unter anderem die von liberalen Journalisten 2012 in Tomsk ins Leben gerufene unabhängige Initiative des „Unsterblichen Regiments“, die sich rasch in ganz Russland und in Ländern mit hohem russischen Bevölkerungsanteil ausbreitete und zunehmend staatlich vereinnahmt wurde. Seitdem marschieren jährlich Tausende Menschen, die Portraits von Kriegsteilnehmenden aus der eigenen Familie mit sich tragen, durch Gedenkstätten und Stadtzentren. 2015, am 70. Jahrestag seit Kriegsende, nahm Präsident Putin, ein Portrait seines Vaters tragend, an dem Gedenkmarsch in Moskau teil.    

Gedenken an das Kriegsende in der Sowjetunion und in Russland

Offizielle staatliche Gedenkpraktiken zielen immer auf ihre jeweilige Gegenwart. Schon in der sowjetischen Zeit standen die Gedenkfeierlichkeiten zum Kriegsende im Zeichen der jeweils aktuellen politischen Bedürfnisse. 1945 versammelten sich nach der Kapitulationserklärung Deutschlands in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die Menschen in Moskau und anderen Städten zu spontanen Freudenfeiern.  Leonid Breschnew machte den 9. Mai zum arbeitsfreien Feiertag und führte 1965 die Militärparade und die Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten als festes Gedenkrepertoire ein, das im Kern bis heute besteht. Diese Veranstaltungen, zu denen ausländische Gäste geladen wurden, dienten zum einen der internationalen Selbstrepräsentation der Sowjetunion, zum anderen bezweckte Breschnew mit der Aufwertung des Kriegsgedenkens und dem Appell an die gemeinsame Kriegserfahrung eine Integration aller Sowjetbürger*innen – inklusive der Opfer der stalinistischen Repressionen – in ein sowjetisches Gemeinwesen. In der sowjetischen Zeit wurden jedoch Siegesparaden lediglich in den Jubiläumsjahren 1965, 1985 und letztmalig 1990 abgehalten. Erst ab 1995, als Boris Jelzin zum 50. Jahrestag das erinnerungspolitische Potential des Kriegsgedenkens erkannte, fanden sie in jährlichem Rhythmus statt. Vor dem Hintergrund des schwelenden Konflikts mit Georgien, das eine NATO-Mitgliedschaft anstrebte, und zunehmender Spannungen mit den USA wurde 2008 erstmalig seit dem Ende der Sowjetunion wieder Militärtechnik zur Schau gestellt.

Deutungskämpfe

Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland 2014 und der anhaltende Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hatten und haben international unmittelbare Auswirkungen auf das Gedenken an das Kriegsende. Der Siegesparade 2015 blieben fast alle westlichen Staats- und Regierungschefs demonstrativ fern. Darüber hinaus zeigen die Gedenkpraktiken in den postsowjetischen Staaten, wie in politisch gespaltenen Gesellschaften geschichtliche Ereignisse für aktuell strittige Identitätsfragen vereinnahmt werden. In der Ukraine zeigt sich das unter anderem daran, dass seit 2015 je nach politischer Präferenz entweder der 8. Mai als „Tag des Gedenkens und Versöhnung“ oder der 9. Mai als „Tag des Sieges“ begangen wird. Auch die lokalen Unterschiede im Gedenken an das Kriegsende machen die Konfliktlinien deutlich. Die einen sehen im Zweiten Weltkrieg einen Kampf um die staatliche Souveränität der Ukraine, während sich die Vertreter der sogenannten Volksrepublik Donezk als Bollwerk gegen eine „faschistische Besatzung“ inszenieren. Auf der Krim dienten die offiziellen Feierlichkeiten zum 9. Mai 2015 als Bühne, um die Annexion als historisch richtig zu legitimieren.

Die europäische Dimension

Am 9. Mai 2010 hatten an der Militärparade auf dem Roten Platz erstmals Streitkräfte der ehemaligen Alliierten, Polens, sowie der ehemaligen Sowjetrepubliken, unter anderem der Ukraine teilgenommen. Das wäre heute undenkbar. In seinem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. Februar dieses Jahres beklagt der Historiker Alexej Miller die Tendenz einer einseitigen Schuldzuweisung an Russland, bzw. eine „Sowjetisierung der Verbrechen“ sowie eine Abkehr von einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Verbrechen und eine zunehmende Nationalisierung der Erinnerung. In der „Entschließung des Europäischen Parlaments zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“ vom 19. September 2019, auf die Millers Kritik zielt, erscheinen in der Tat insbesondere die historischen Erfahrungen der ostmitteleuropäischen Staaten, allen voran die Polens und der baltischen Republiken, repräsentiert, die sich gleichermaßen als Opfer deutscher und sowjetischer Kriegführung, Besatzung und kommunistischer Diktatur sowie heute durch eine russische aggressive Außenpolitik bedroht sehen. Auf der anderen Seite steht die in Russland weitverbreitete und vehement für die politische und militärische Mobilisierung der Bevölkerung instrumentalisierte Befürchtung, die immensen Opfer und die kriegsentscheidenden Leistungen der Sowjetunion könnten nicht anerkannt werden. In Westeuropa und damit auch in der Bundesrepublik hat man sich hingegen unter den Bedingungen des Kalten Kriegs und der Westintegration daran gewöhnt, der Landung der Alliierten in der Normandie den zentralen Anteil am Sieg im Zweiten Weltkrieg beizumessen. Zum diesjährigen 75. Jahrestag erleben wir einen Streit um die Deutungshoheit über das Kriegsende, der auf allen Seiten konfrontativ geführt wird. Die Würdigung der Opfer, die Benennung der Verbrechen und die Anerkennung der Pluralität von historischer Erfahrung und Erinnerung wäre die Voraussetzung, um wieder miteinander in den kritischen Dialog zu treten. 


Dr. Sandra Dahlke ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau.