„Aus Belgrad und Prishtina, mit Liebe“

ZOiS Spotlight 22/2019 von Eva Kowollik (05.06.2019)

Jeton Neziraj, Saša Ilić und Alida Bremer (v.l.) auf der Eröffnung des POLIP Literaturfestivals 2019. © POLIP Literaturfestival

Auch wenn das Ende des Kosovokrieges am 10. Juni 1999 nun schon zwanzig Jahre zurückliegt, ist die gründliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im gesamten Raum des ehemaligen Jugoslawien ein nach wie vor zäher Prozess, der allerdings zunehmend sichtbarer und wirksamer in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Dies zeigt sich nicht zuletzt auf kulturellem Gebiet. Eine feste Institution in der postjugoslawischen, sich nationalistischen Diskursen widersetzenden literarischen Szene der Region stellt das POLIP Literaturfestival in Prishtina dar, das vom 10. bis 13. Mai diesen Jahres zum neunten Mal stattfand. Die Vorgeschichte des POLIP zeugt gleichermaßen von Widerständigkeit und einem Vertrauen in die Wirksamkeit kultureller Austauschprojekte.

2010 trafen der serbische Autor Saša Ilić und der kosovarische Dramatiker Jeton Neziraj auf der Leipziger Buchmesse zusammen. Schnell war der Plan gefasst, ein Übersetzungsprojekt in Angriff zu nehmen, um nach jahrzehntelanger Stagnation den Markt serbisch-kosovarischer Übersetzungen zu reaktivieren. Ein Jahr später wurden zwei Anthologien veröffentlicht, die – wie touristische Souvenirs – mit den Titeln „Aus Prishtina, mit Liebe“ und „Aus Belgrad, mit Liebe“ versehen sind und den Leser*innen jeweils einen Einblick in die mittlerweile unbekannte Welt der „Anderen“ liefern wollen.

„Die einzige offene Verbindung zwischen Belgrad und Prishtina“

Aufschlussreich ist der Briefwechsel zwischen Ilić und Neziraj, der als Prolog der Anthologie „Aus Prishtina, mit Liebe“ vorangestellt ist. Auf der Basis sehr persönlicher Erinnerungen schreiben die beiden Initiatoren des Übersetzungsprojektes über ihr anhaltendes Interesse an dem, was sich hinter der „anderen Seite der ’Mauer’“ befindet. Ilić markiert als ein für ihn traumatisches Schlüsselmoment die Ableistung der Wehrpflicht bei der Jugoslawischen Kriegsmarine, just 1991, zu Beginn der Belagerung kroatischer Küstenstädte durch jugoslawische Streitkräfte. Neziraj schildert, wie das konkrete Miteinander von Albaner*innen und Serb*innen in Kosovo seit den 1980er Jahren durch gegenseitiges Misstrauen und Angst belastet war: Seine eigene Kindheit war geprägt von antiserbischen Phrasen, die zu Gewalt und Gegengewalt geführt hätten: „eine eingepflanzte Angst, weitergegeben von Generation zu Generation“. Als Kind hätten ihn ob der Horrorgeschichten der Erwachsenen Alpträume über mordende Banden verfolgt. Mit solchen Szenarien sei er später, während des Kosovokrieges, allerdings tatsächlich konfrontiert gewesen.

Die sechs Briefe sind Bekenntnis und Manifest gleichermaßen. Die persönliche Erinnerung führt zwangsläufig in jedem der Briefe zum geplanten Übersetzungsprojekt, der „einzigen offenen Verbindung zwischen Belgrad und Prishtina“. Dass es sich keinesfalls um ein selbstverständliches Projekt handelt, klingt immer wieder an: Ilić war 2010 erstmals in seinem Leben in Prishtina. Die abenteuerliche Fahrt beschreibend schlussfolgert er: „Ich bin wegen Geschichten gekommen, die ich dann zurück nach Belgrad schmuggeln werde.“ Jeton Neziraj verortet das Projekt deutlich als Engagement für ein friedliches Miteinander; so lautet sein Plädoyer im Vorwort der Anthologie „Aus Belgrad, mit Liebe“: „Make books, no war.“

„Aus Prishtina, mit Liebe“ setzt den Fokus auf Lyrik, beispielsweise mit Gedichten von Arben Idrizi, dessen Band „Bestien lieben das Vaterland“ in einem Folgeprojekt ebenfalls ins Serbische übersetzt wurde. „Aus Belgrad, mit Liebe“ enthält hingegen erzählende Literatur jüngerer serbischer Autor*innen, die sich eher der alternativen Subkultur der postjugoslawischen Literatur als ihrer Nationalliteratur zugehörig fühlen. Unter ihnen ist Miloš Živanović, dessen Buch „Lyrik der Hunde“ später ebenfalls ins Albanische übersetzt werden konnte. Das Projekt ist nicht zuletzt auch deshalb wichtig für das Verständnis der Literaturen der gesamten Region, als es die aktuelle kosovarische Literaturszene, die sich kritisch mit der Vergangenheit und den heute herrschenden Nationalismen beschäftigt, explizit im postjugoslawischen literarischen Feld verortet.

Neun Jahre POLIP Literaturfestival in Prishtina – Engagement und Subversivität

Miloš Živanović war 2011 auf dem ersten von Ilić und Neziraj organisierten POLIP Literaturfestival in Prishtina zu Gast. Das Festival war zu diesem Zeitpunkt als Poesiefestival konzipiert – das wundert nicht, ist doch in Kosovo die Lyrikszene besonders ausgeprägt. Schnell entwickelte sich POLIP allerdings zu einem internationalen Literaturfestival mit Lesungen, Diskussionsrunden und Übersetzungsprojekten sowie Teilnehmer*innen aus der ganzen Welt. Viele Autor*innen aus Serbien nutzen diese Plattform, um erstmals im Leben nach Kosovo zu reisen und auch für ihre kosovarischen Kolleg*innen ist es oftmals der erste Kontakt mit Menschen aus Serbien. POLIP hatte eine derart positive Resonanz, dass es zum Sprungbrett ähnlicher Festival- und Übersetzungsprojekte im postjugoslawischen Raum wurde und zur Einrichtung von Residenzprogrammen für kosovarische Autor*innen führte.

Diese lebendige Literaturszene lässt es durchaus zu, mit einem vorsichtigen Optimismus auf die kulturellen Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien zu blicken. Allerdings muss hervorgehoben werden, dass POLIP und die vorgestellten Übersetzungsprojekte nur auf Initiative von NGOs und enthusiastischen Einzelpersonen angestoßen und realisiert werden konnten. Dies zeigt einmal mehr, dass die auf dem POLIP Festival versammelten Vertreter*innen postjugoslawischer Literatur einer alternativen Literaturszene angehören, in der die jugoslawischen Zerfallskriege als verbindender Ausgangspunkt angenommen und insgesamt auf Gemeinsamkeit gesetzt wird. In den einzelnen Nationalliteraturen der Region nimmt dieser politische und engagierte Standpunkt eine eher periphere Position ein.


Die Zitate stammen aus:

Saša Ilić & Jeton Neziraj: Prepiska izdajnika [Korrespondenz von Verrätern]. In: Iz Prištine, s ljubavlju. Nova albanska književnost Kosova [Aus Prishtina, mit Liebe. Neue albanische Literatur aus Kosovo]. Beograd 2011.


Eva Kowollik ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Slavistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Aktuell beschäftigt sie sich mit Trauma in den postjugoslawischen Literaturen.