Auf der Suche nach Russlands Mittelschicht

ZOiS Spotlight 23/2020 von Bernhard Braun (10.06.2020)

Eine Einkaufsstraße in Moskau. © John Kellerman/ Alamy Stock Foto

Die Mittelschicht ist seit dem Ende der Sowjetunion ein wissenschaftlich wie politisch viel beachtetes Thema. Auch Russlands Präsidenten maßen dieser gesellschaftlichen Gruppe große Bedeutung bei und versprachen, ihr stetes Wachstum zu garantieren. Unlängst rechnete Putin sogar vor, es könnten sich heute mehr als 70 Prozent der russischen Bevölkerung zur sogenannten Mittelschicht zählen. Schließlich reiche es, bereits das Eineinhalbfache des monatlichen Mindestlohns zu verdienen, was ca. 200 Euro entspricht. Diese recht großzügige Eingrenzung stieß auf den Hohn vieler Kommentator*innen. Demnächst genüge es wohl, Schuhe zu tragen, um zur ‚Mittelschicht‘ zu gehören, konnte man in den sozialen Medien lesen. Doch wie steht es in Russlands enorm ungleicher Gesellschaft tatsächlich um die Mittelschicht? Inwiefern kann man in Russland, wo die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung über 83 Prozent des Haushaltsvermögens verfügen, von Mittelschicht(en) sprechen – und wer zählt dazu?

Seit dem Ende der Sowjetunion hat sich die russische Gesellschaft in historischer Weise verändert. Nach den politischen und ökonomischen Wirren der 1990er Jahre war der Beginn des 21. Jahrhunderts durch stabileres Wachstum und sozioökonomische Konsolidierung gezeichnet. Diese Phase gilt als die Wiege einer aufkommenden ‚Mittelschicht‘, die im politischen Diskurs zumeist als Indikator für eine erfolgreiche Transformation hin zur Marktwirtschaft interpretiert wird. Auch westliche Kommentator*innen werten diese sogenannte Mittelschicht stets als hoffnungsbeladenes Anzeichen für eine demokratische Konsolidierung – frei nach der These: „No bourgeoisie, no democracy“. So wurden nahezu alle Protestbewegungen der letzten Jahre der ‚Moskauer Mittelschicht‘ zugeschrieben. Man scheint also davon auszugehen, ‚Mittelschicht‘ sei nicht nur formal aus dem Zusammenhang europäischer Gesellschaftstheorie übertragbar, sie erfülle auch ganz ähnliche gesellschaftspolitische Funktionen.

Zwischen 5 und 70 Prozent

Auch die sozialwissenschaftliche Forschung nimmt großen Anteil an dieser sogenannten Mittelschicht, gleichwohl unter ähnlicher Prämisse: Ein eurozentristisch geprägter, auf westliche Industriegesellschaften bezogener Mittelschichtsbegriff wird impliziert, ohne diesen in Bezug auf die russische Gesellschaft konzeptionell zu hinterfragen. Dies führt bisweilen zu paradoxen Ergebnissen, denen zufolge sich zwischen 5 und 52 Prozent  der russischen Bevölkerung einer Mittelschicht zuordnen lassen, je nach Grad der Anwendung deskriptiver Kriterien. Laut der von Putin zitierten Methode der Weltbank seien es sogar mehr als 70 Prozent.

Das Problem dieser Berechnungen ist, dass die herangezogenen Kriterien wie überdurchschnittliches Einkommen, höhere Bildung, gehobener professioneller Status sowie Selbstidentifikation in Russland oftmals nicht kumulativ sind, das heißt ein Kriterium, etwa höhere Bildung, führt nicht zwingend zum anderen, etwa höherem Einkommen. Beispielsweise sind hochqualifizierte Berufe wie Ärzt*innen oder Hochschullehrende – vorsichtig formuliert – keinesfalls die Spitzenverdiener*innen der russischen Gesellschaft. Darüber hinaus resultiert die große Ambiguität des Mittelschichtskonstrukts in einer sehr uneinheitlichen Selbstidentifikation. So tun sich bei dem Versuch, mit Hilfe deskriptiver, abzuhakender Kriterien eine kohärente Gruppe einzugrenzen, erste Brüche auf.

Die Unzulänglichkeit statistischer Kriterien

Die Mittelschicht am bloßen statistischen Gehalt festzumachen zeigt sich bereits als problematisch. Beispielsweise lässt sich das Gehalt von Moskauer Hochschullehrenden nur schwer als exakter monatlicher Wert angeben. Während das Grundgehalt nur einen sehr geringen Anteil am monatlichen Verdienst darstellt, werden die gehaltenen Vorlesungen nach Stunden abgerechnet. Um über die Runden zu kommen (und so zumindest ein durchschnittliches Gehalt von etwa 500 Euro zu erlangen), arbeiten viele Lehrende zudem privat als Nachhilfelehrer*innen. So wird jedoch das Risiko eines Verdienstausfalls weitestgehend auf die einzelnen Lehrenden übertragen, etwa während der langen Sommerferien oder bei Krankheitsausfall.

Auch die Frage der subjektiven Zuordnung ist keineswegs eindeutig zu beantworten. Während etwa in Deutschland ‚Mittelschicht‘ als breiter Konsens sozialer Selbstidentifikation gelten kann und von qualifizierten Facharbeiter*innen bis hin zu – wohlgemerkt nach subjektiver Einschätzung – Millionär*innen in Anspruch genommen wird, gibt es in Russland dem Begriff gegenüber einige Vorbehalte. ‚Mittelschicht‘ ist stark durch den medialen Diskurs geprägt und impliziert meist einen konsumorientierten Lebensstil nach westlichem Vorbild. Dieses übertragene Ideal einerseits, sowie die gravierende soziale Ungleichheit – exemplifiziert durch die enorme Maybach-Dichte auf Moskaus Straßen – andererseits, führen zu großer Zurückhaltung selbst überdurchschnittlich Verdienender, sich mit der ‚Mittelschicht‘ zu identifizieren.

Die konstant instabile Mittelschicht

Während ‚Mittelschicht‘ in vielen europäischen Ländern häufig als Produkt gesellschaftlicher Umverteilung und eines starken Sozialstaates theoretisiert wird, erscheint sie in Russland vielmehr als Ergebnis individueller Anstrengungen. Doch Russlands Durchschnittsverdienende sehen sich dabei häufig als Verlierer beider Konzepte. Während persönliche Initiative und Unternehmertum harscher staatlicher Kontrolle ausgesetzt sind, gestattet ein schwacher Sozialstaat neoliberalen Aufwind und die Übertragung sozialer Verantwortung vom Staat auf das Individuum. Die fehlenden Mechanismen sozialer Absicherung erweisen sich für die sogenannte Mittelschicht als Damoklesschwert. Kaum garantiertes Arbeitslosengeld, drohende Altersarmut aufgrund der niedrigen Pensionen, sogar die Geburt eines Kindes werden zu Risikofaktoren sozialen Abstiegs und tragen zur Instabilität vieler Lebenswandel bei.

Angesichts ihrer Inkonsistenz und Ambiguität erinnert die russische ‚Mittelschicht‘ bisweilen an das „Heilige Römische Reich“, das laut Voltaire weder heilig, noch römisch, noch ein Reich gewesen sei. Weder ökonomische, noch subjektive Kriterien scheinen zulängliche, eine soziale Schicht ausreichend auszeichnende Faktoren zu sein. Was als ‚Mitte‘ und was als ‚Schicht‘ zu bezeichnen ist, bleibt allein anhand statistisch messbarer Kriterien (seien sie auch durch die Weltbank definiert), Berechnungsmethoden politischer Soziologie oder westlicher Idealbilder weiterhin unklar. Die Komplexität der Lebensrealität verlangt nach einer Perspektive, die die Interdependenzen und Widersprüchlichkeiten sozialer Mobilität berücksichtigt. Egal ob durch dynamisches Gehalt, fehlende soziale Absicherung oder die globale Covid-19-bedingte Krise: die Mittelschicht ist ständig existentiellen Veränderungen ausgesetzt. So ist es vielmehr die konstante Instabilität, die Durchschnittsverdienende in Russland zu einer analytischen Mittelschicht macht.


Bernhard Braun ist Sozialanthropologe und Doktorand an der Universität Wien.