Aserbaidschan feiert sein säkulares Erbe

ZOiS Spotlight 23/2018 von Tsypylma Darieva (20.06.2018)

Das Denkmal für die Unabhängigkeitserklärung der ersten Aserbaidschanischen Demokratischen Republik in Baku – geschmückt zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit. © Tsypylma Darieva

In den vergangenen zwei Monaten hat sich Armenien nach einer erfolgreichen friedlichen Revolution im Zentrum der globalen Medienberichterstattung befunden. Die vorgezogene Wahl Ilham Alijews zum Präsidenten des benachbarten Aserbaidschans im April 2018 wurde hingegen kaum in der internationalen Presse erörtert. Das ist teilweise darauf zurückzuführen, dass der Ausgang dieser Blitzwahl im Voraus wohlbekannt war. Die Wahl stellte sicher, dass Alijew bequem die vierte Amtszeit seiner autoritären Herrschaft antreten konnte. Es hatte einige Spekulationen gegeben, warum die Wahlen vom Oktober 2018 auf den April vorgezogen wurden. Eine offizielle Verlautbarung erklärte diesen Schritt mit einem Verweis auf die erste Republik, die Aserbaidschanische Demokratische Republik, die am 28. Mai 1918gegründet worden war. Präsident Ilham Alijew beging das Jubiläum an diesem Tag, der als Tag der Republik gefeiert wird, mit der Niederlegung eines Kranzes roter Rosen am Denkmal für die Unabhängigkeitserklärung in der Istiglaliyyat-Straße in Baku. Der unscheinbare Obelisk war im Mai 2007 zu Ehren der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik eingeweiht worden, die nach dem Zusammenbruch der Russischen Reiches entstand und 23 Monate bestand, bevor die Bolschewiki die Macht übernahmen.

Zwiegespaltene geopolitische Orientierung

Hundert Jahre später betrachtet das moderne, unabhängige Aserbaidschan den Tag der Republik als Symbol für die Wiedergeburt der aserbaidschanischen Staatlichkeit und der säkularen Stabilität, wobei 2018 zum "Jahr der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik" erklärt wurde. Aserbaidschan, das an Russland und Iran grenzt, ist eine Gesellschaft mit einer muslimischen Mehrheit (Schiiten und Sunniten).

Als Öl- und Hafenstadt ist Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, in der Landschaft eurasischer Urbanität führend, wenn man sich die Umsetzung von Modernisierungsprojekten betrachtet, zumindest auf der Ebene der Infrastruktur und großer Bauprojekte. Das Ziel ist dabei, Aserbaidschans Image international aufzubessern, und Baku ist bestrebt in der Liga globaler Kulturmetropolen mitzuspielen. Die aserbaidschanische Hauptstadt ist eine rapide wachsende regionale Metropole im Südkaukasus, "das Dubai des Kaspischen Meeres", ein Austragungsort der Formel 1 mit ehrgeizigen ökonomischen Visionen für eine Zukunft unter der autoritären Herrschaft der Alijew-Dynastie (der Vater des derzeitigen Präsidenten ging diesem bereits als Staatsoberhaupt voraus). Tatsächlich verfolgt Baku zwei geopolitische Orientierungen gleichzeitig, eine in Richtung Westen und eine in Richtung des Nahen und Mittleren Ostens; beide sind für die Identitätspolitik der Nation bestimmend. Einerseits fanden in Baku 2012 der Eurovision Song Contest und 2015 die ersten Europaspiele statt. Andererseits wurde Baku 2009 der jährlich wandernde Titel "Hauptstadt der islamischen Kultur" verliehen, und 2017 war es Austragungsort der Islamischen Spiele der Solidarität. Vom Iran wurde Aserbaidschan unmoralisches Verhalten vorgeworfen, als in Baku der Eurovision Song Contest veranstaltet wurde, ein Ereignis, mit dem Teheran zufolge europäische "schwule Kultur" assoziiert werde.

Staatliche Zeremonien und gesellschaftliche Demonstrationen

Es ist wenig überraschend, dass die aserbaidschanischen Botschaften in New York, Berlin, Paris und Moskau eine Reihe offizieller Empfänge, höchst formeller Veranstaltungen hinter verschlossenen Türen ausgerichtet haben, bei denen die Leistungen des modernen Aserbaidschan als Nachfolger der Ersten Republik propagiert wurden, der ersten parlamentarischen Republik im muslimischen Orient. Als dieses Staates werden in Baku die Einführung moderner Bildung im europäischen Stil herausgestellt, die Gründung der Staatlichen Universität Baku 1919 (heute die führende Bildungseinrichtung in Aserbaidschan) und das Wahlrecht für Frauen, das hier früher als in vielen westlichen Ländern eingeführt wurde.
Die säkularen Prinzipien der Staatsführung dominieren die Gesellschaft und machen eine grobe Einmischung in die Arbeit religiöser Gemeinschaften möglich. Im Dezember 2015 wurde das Gesetz über die Freiheit der Religion geändert, wodurch die Ausübung religiöser Rituale und kollektiver Gebete an öffentlichen Orten abgeschafft wurde, etwas, das besonders schiitische Muslime betraf, besonders wegen einer öffentlichen Shia-Trauerprozession, die kürzlich in den Vororten von Baku stattfand. Im Unterschied zu den Nachbarn Armenien und Georgien, die ihre Hauptreligion, das Christentum, wie eine Staatsreligion behandeln, die unter dem Schutz der Verfassung steht, genießt der Islam in Aserbaidschan nicht die gleiche Bevorzugung.

Im Unterschied zu den Erwartungen ist in den Straßen von Baku kein Wiederaufleben der Religion im öffentlichen Raum zu sehen. Restaurants der Kette Pizza Hut haben zwar ein spezielles Ramadan-Menü angeboten und Filialen von Bazar Store, einer populären Supermarktkette, haben iftar-Essenskombinationen zum Fastenbrechen verkauft, doch konnte man überall in Baku Alkohol kaufen und der Ramadan (16.05.-14.06.2018) beeinträchtigte kaum das Nachtleben der Stadt. Ein Konzert im sowjetischen Stil mit Unterhaltungsmusik und dem obligatorischen Feuerwerk markierten den Tag der Republik in Baku. Das Publikum bestand allerdings nur aus Vertretern der Regierung selbst und deren hochrangigen Gästen.

Und doch konnten oppositionelle Kräfte am 28. Mai eine zweistündige friedliche Massenversammlung im Stadtzentrum auf die Beine stellen, die von jungen Menschen und Familien begeistert unterstützt wurde. Die Polizei verhielt sich ruhig und schien von der freudigen Atmosphäre in der Stadt eher überrascht gewesen zu sein. Junge Leute machten Selfies und posteten sie auf Facebook, dem Hauptmedium für alternative Meinungen, das überraschenderweise noch nicht gesperrt worden ist. Die Demonstration bewegte sich vom U-Bahnhof İçəri Şəhər ("Altstadt") zur Uferpromenade von Baku, wo sie dann allerdings mehrfach von der Polizei aufgehalten wurde. Der Hauptvorwurf der aserbaidschanischen Opposition an das Regime war, dass es kein Interesse habe, den hundertsten Jahrestag politisch herauszustellen und zögere, das sowjetische Erbe aufzuarbeiten. Das Auffälligste an dieser Prozession war das Fehlen der Portraits von Heydar oder Ilham Alijew, die ansonsten in Aserbaidschan ikonenartig omnipräsent sind. Die Demonstration war über Facebook von Intellektuellen organisiert worden - unter anderem von der Republikanische Alternative Partei (ReAL), einer rechts-neoliberalen patriotischen Bewegung -; am Folgetag kam es zu Verhaftungen. Da wichtige Stimmen politischer Opposition weiterhin in Haft oder im Exil sind, ist die Stärke der Opposition in Baku nicht allzu groß. Immerhin scheinen einige Kräfte in Baku, die sich als säkular und pro-westlich verstehen, alternative Wege zu finden und zu erproben, die Erinnerung an die Demokratische Republik wachzuhalten.


Tsypylma Darieva ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS. Sie koordiniert das Projekt 'Transformation urbaner Räume und religiöse Pluralisierung im Südkaukasus'. 


Grant, Bruce (2014) The Edifice Complex. Architecture and the Political Life of Surplus in the new Baku. In: Public Culture, 26/3, pp. 501-528.

Huseynova, Sevil (2015) Baku zwischen Orient und Okzident. Der Islam in der postsowjetischen Stadt, in: Osteuropa 7-10, S. 569-586