Alleinsein im Alter: Herausforderungen durch Covid-19 in der ländlichen Ukraine

ZOiS Spotlight 24/2020 von Ilona Grabmaier (17.06.2020)

Ein älteres Ehepaar in der Westukraine. © Oleksandr Rupeta / Alamy Stock Foto

Altwerden stellt Menschen weltweit vor vielfältige Herausforderungen. In Zeiten einer beispiellosen globalen Gesundheitskrise wie der aktuellen Coronavirus-Pandemie, die auf der ganzen Welt zu einer weitgehenden Aussetzung von ökonomischen und sozialen Aktivitäten geführt hat, gerät besonders die Frage nach guter Versorgung im Alter verstärkt in den Vordergrund. In der Ukraine war diese jedoch angesichts globaler Migrationsbewegungen sowie des Abbaus des Wohlfahrtsstaates im Zuge der Umsetzung neoliberaler Politiken bereits zuvor für viele Menschen ein drängendes Problem.

Die Verhandlung von Sorgeverantwortungen

Ähnlich zu den Entwicklungen in anderen konservativen Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland oder Österreich propagiert die nationale Politik auch in der Ukraine Vorstellungen und Bilder, wonach der Staat in erster Linie die notwendigen politischen Rahmenbedingungen für Familien schaffen soll, damit diese ihre Mitglieder im Bedarfsfall „angemessen“ versorgen können. Das Ideal des Zusammenhalts innerhalb von Familien ist dabei nicht nur für die Politik von zentraler Bedeutung, sondern auch für das Selbstverständnis vieler Bewohner*innen ländlicher Gebiete. So folgen Diskurse zu Care/Sorge in der Ukraine weitgehend der Dichotomie zwischen dem „modernen“ Staat und der „traditionellen“ Familie, und es wird angenommen, dass ältere Menschen primär von Familienangehörigen betreut werden.

Gängige Formen der Versorgung im Alter

In lokalen Diskursen wird betont, dass gute Altersvorsorge im Wesentlichen darin besteht, eine Familie zu gründen, sich um die eigenen Kinder zu kümmern sowie ein Haus zu bauen und Instand zu halten, das zu einem späteren Zeitpunkt als Erbe gegen Versorgung im Alter eingetauscht werden kann. Ein Haus zusammen mit einem Stück Land ist oft die wichtigste materielle Ressource älterer Menschen. Aufgrund der hohen Abwanderung der jüngeren Generationen allerdings leidet der ukrainische Immobilienmarkt besonders in ländlichen Regionen unter einem erheblichen Wertverlust, was ein zunehmendes Hindernis für diese Form des Tausches von Eigentum gegen Sorge im Alter darstellt. Menschen, die keine eigenen Kinder haben oder deren Kinder aus verschiedenen Gründen nicht für ihre Eltern sorgen können oder wollen, haben auch die Möglichkeit, ihr Haus oder ihre Wohnung per Schenkungsvertrag an entfernte Verwandte oder Bekannte im Tausch gegen Pflege im Alter zu übertragen. In letzter Zeit kommt es auch immer häufiger vor, dass im Ausland arbeitende Familienangehörige Frauen aus dem eigenen Dorf oder aus den umliegenden Gemeinden beschäftigen, damit ältere Menschen zu Hause betreut werden können.

Anders als zu Sowjetzeiten, als Rentner*innen von ihren Renten einigermaßen gut leben konnten, sind diese heutzutage aufgrund der geringen Rentenhöhe häufig auf zusätzliche finanzielle und persönliche Unterstützung von Kindern oder anderen Angehörigen angewiesen, um ihr Überleben sichern zu können. Trotz staatlich und gesellschaftlich idealisierter Vorstellungen von familiärem Zusammenhalt können oder wollen Familien jedoch häufig keine ausreichende Sicherheit gewährleisten, einerseits aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Ressourcen und andererseits, weil aufgrund von Migration entfernt lebende Familienangehörige oftmals zwar Geld schicken, jedoch nicht in der von vielen Senior*innen gewünschten Form emotionale Zuwendung und Sorge durch physische Anwesenheit geben können.

Unsicherheiten für alleine lebende Senior*innen

Somit sind Senior*innen, die aufgrund von Abwanderung der jüngeren Generationen alleine leben, mit zahlreichen Unsicherheiten konfrontiert, welche im Zuge der Pandemie vielfach noch verstärkt wurden. Die Sozialämter in den Bezirken sowie lokalen Gemeinden bemühen sich zwar um Hilfe für bedürftige Senior*innen, beispielsweise in Form von Lebensmittelpaketen und Unterstützung bei der Erledigung von Einkäufen, diese wird in der Regel aber nur gewährt, wenn die betreffenden Personen selbst keine Kinder haben. Viele Senior*innen, deren Kinder im Ausland leben, sind daher zur Sicherung ihres alltäglichen Überlebens auf die Unterstützung durch Nachbar*innen angewiesen, was in öffentlichen Debatten oft unter den Tisch fällt. Diese Beziehungen zu Nachbar*innen können auf Dauer jedoch nur aufrechterhalten werden, wenn ein geleisteter Gefallen innerhalb einer angemessenen Frist und in angemessener Form zurückgezahlt wird.

Die Mobilisierung von Sorge und Unterstützung im Alter hängt daher insbesondere von der Fähigkeit ab, Nachbarschaftsbeziehungen zu verhandeln, in denen vor allem Überlegungen darüber eine Rolle spielen, was als „angemessene“ Entschädigung gelten kann. Dabei sind jene Senior*innen klar im Vorteil, die selbst noch Hilfeleistungen anbieten oder vermitteln können, oder die von Familienangehörigen aus dem Ausland finanziell unterstützt werden. Da viele Angehörige im Ausland im Zuge der Krise zumindest kurzzeitig arbeitslos geworden sind, haben diese jedoch selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und können momentan kein oder beträchtlich weniger Geld nach Hause schicken. So fühlen sich viele Senior*innen nicht nur vom Staat und den lokalen Behörden, sondern teilweise auch von ihren Familien im Stich gelassen.

Zukünftige Herausforderungen

Auch wenn zahlreiche Studien bestätigen, dass Krisenzeiten dazu beitragen, das Vertrauen der Bürger*innen in den Staat sowie in Lokalverwaltungen zu stärken, so zeigt sich am Beispiel von alleine lebenden Senior*innen in der Ukraine ein differenzierteres Bild. Besonders diese wenig abgesicherte Gruppe hat häufig das Gefühl, vernachlässigt zu werden: Wenn ein Staat bei der Bereitstellung von Altersvorsorge vor allem auf die Familie setzt, ergeben sich zwangsläufig Probleme, wenn durch einen Mangel an Arbeitsplätzen im Land die Verwandten ins Ausland migrieren und somit nicht mehr mittels physischer Anwesenheit für ihre Angehörigen da sein können. Kommt dann noch eine weltweite Gesundheits- und Wirtschaftskrise wie die aktuelle hinzu, werden die Unzulänglichkeiten der idealisierten familiären Sorge umso tragischer spürbar.


Ilona Grabmaier ist Sozialanthropologin und Doktorandin an der Universität Wien. Von Anfang Februar bis Ende April 2020 war sie Gastwissenschaftlerin am ZOiS.