30 Jahre nach der deutsch-polnischen Versöhnungsmesse

ZOiS Spotlight 41/2019 von Gregor Feindt (06.11.2019)

Bild der Versöhnungsmesse als Teil der Gedenkstätte in Krzyżowa/Kreisau © Stiftung Kreisau für europäische Verständigung

30 Jahre ist der Mauerfall dieser Tage her, ebenso wie das Friedenszeichen von Krzyżowa/Kreisau. Das Jubiläum der Versöhnungsmesse vom 12. November 1989 findet allerdings wenige Wochen nach der polnischen Parlamentswahl in Deutschland und Polen nur wenig Beachtung – dabei zeigt ihre Geschichte, welch wichtige Rolle die deutsch-polnischen Beziehungen im Umbruch des Jahres 1989 spielten. Und sie macht deutlich, wie in diesem Moment Zivilgesellschaft und Politik zusammenkamen.

Der Ton in den deutsch-polnischen Beziehungen hat sich seit einigen Jahren spürbar verschärft, insbesondere unter der zweiten PiS-Regierung seit 2015. Nach ihrem erneuten Wahlsieg ist eine Änderung kaum zu erwarten. Neben der geplanten Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 und der Aushöhlung des polnischen Rechtsstaats ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wiederholt Stein des Anstoßes. In der polnischen Politik werden seit 2015 immer wieder Forderungen nach deutschen Reparationszahlungen laut, die in der Öffentlichkeit viel Widerhall finden. Zuletzt zeigte die Debatte über ein Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin, wie weit Wahrnehmung und Repräsentation des Kriegs zwischen beiden Ländern noch auseinanderklaffen.

Versöhnung und politischer Umbruch

Schon 1989, mitten im politischen Umbruch, bestimmten die Folgen des Zweiten Weltkriegs die deutsch-polnischen Beziehungen. Als Helmut Kohl im November 1989 zu einem Staatsbesuch nach Polen reiste, befand sich das Land mitten in der politischen und wirtschaftlichen Transformation. Mit Tadeusz Mazowiecki traf der Bundeskanzler auf den ersten nicht-kommunistischen Premierminister Polens nach dem Krieg. Beide standen vor drängenden Fragen: Neben wirtschaftlicher Unterstützung hoffte die polnische Seite auf eine endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze. Kohl wiederum wollte sich für weitergehende Rechte der deutschen Minderheit in Polen einsetzen. Bereits am ersten Abend von Kohls Besuchs, dem 9. November, veränderte sich die Ausganglage dramatisch. In Berlin fiel die Mauer. Kohl musste seinen Staatsbesuch kurzfristig unterbrechen, kehrte aber nach Warschau zurück und reiste am 12. November nach Kreisau.

Kohl und Mazowiecki wollten mit einer gemeinsamen Messe ein Zeichen der Versöhnung setzen. Aber schon über den Ort hatte es im Vorfeld Unstimmigkeiten gegeben. Ursprünglich als Begegnung mit der deutschen Minderheit geplant, sollte die Messe auf dem Annaberg in Oberschlesien stattfinden. Dabei handelte es sich aber nicht nur um einen Wallfahrtsort, sondern auch um den Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Deutschen und Polen in den Schlesischen Aufständen 1921. Kurzfristig entschied man sich für Kreisau/Krzyżowa, das ehemalige Gut der Familie von Moltke in Niederschlesien. In Polen nahezu unbekannt, stand das Dorf in der Bundesrepublik als gelegentlicher Versammlungsort des Kreisauer Kreises für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Seit Jahren hatten sich zudem zivilgesellschaftliche Gruppen aus Polen und aus beiden deutschen Staaten dafür eingesetzt, Kreisau zu einem Begegnungsort zu machen. Im politischen Umbruch des Jahres 1989 wurde diese Idee aktueller denn je.

Während der Messe rief der Bischof von Oppeln, Alfons Nossol, die Anwesenden in beiden Sprachen explizit zu Versöhnung und gegenseitiger Vergebung auf. Kohl und Mazowiecki reichten sich die Hände und umarmten sich unter dem Beifall der Anwesenden. Ihr Friedensgruß war Teil der heiligen Messe, symbolisch stand er aber für weit mehr: die Versöhnung zwischen beiden Völkern. Doch die denkwürdige Begegnung verlief nicht ohne Misstöne. Unter den knapp 10.000 Teilnehmenden der Messe waren zahlreiche Angehörige der deutschen Minderheit. Ihre Plakate – das bekannteste lautete: „Helmut, Du bist auch unser Kanzler“ – sorgten in Polen für einige Unruhe. Zudem bezog Kohl zur Grenzfrage auch nach dem gerade erfolgten Fall der Mauer keine eindeutige Position, sondern wiederholte bei seinem Staatsbesuch Altbekanntes.

Symbol der Versöhnung – und der zivilgesellschaftlichen Initiative

In dieser spannungsgeladenen Situation war das Friedenszeichen von Kreisau ein vorweggenommenes Symbol der Versöhnung. Es baute auf der zivilgesellschaftlichen, besonders der kirchlichen Versöhnung der vorherigen Jahre auf und verschränkte Zivilgesellschaft und Politik, ohne dies explizit und öffentlich zu machen. Zudem fiel es 1989 in einen entscheidenden Moment deutsch-polnischer Geschichte. Beide Länder standen vor großen Veränderungen, und ausgerechnet in Kreisau hatte nun die politische Annäherung zwischen dem freien Polen und dem sich wiedervereinigenden Deutschland begonnen. Das Versprechen des Symbols wurde erst in den folgenden Jahren umgesetzt. Die Idee einer Begegnungsstätte für Jugendliche und Erwachsene wurde tatsächlich Wirklichkeit, zivilgesellschaftlichem Engagement und staatlichen Mitteln sei Dank. Erst dadurch – und durch zahlreiche weitere zivilgesellschaftliche Initiativen – entwickelte der Friedensgruß von Kreisau seine langfristige Wirkung.

So bleibt als Fazit die Feststellung: 30 Jahre nach der Versöhnungsmesse von Kreisau lassen sich deutsch-polnischen Beziehungen nicht auf die politische Ebene reduzieren. Angesichts der dissonanten Töne zwischen Warschau und Berlin lohnt es sich, stärker auf die Zivilgesellschaft und ihren Anteil an den Beziehungen zwischen beiden Ländern zu achten.


Gregor Feindt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Zusammen mit Waldemar Czachur hat er das Buch "Kreisau | Krzyżowa. 1945 – 1989 – 2019"verfasst, das die transnationale Geschichte der Ortes behandelt. Es ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen.