„Grenzregionen sind ein komplexes und sich permanent wandelndes soziales Phänomen“

22. Februar 2019

In seiner Monographie „Grenzregionen Russlands: Herausforderungen durch Nachbarschaft“ (bislang nur auf Russisch erschienen) untersucht Vladimir Kolosov, wie Integrationsprozesse und politische Herausforderungen auf der internationalen und der regionalen Ebene die Entwicklung der Grenzgebiete Russlands beeinflussen. Er konzentriert sich dabei auf die Änderungen in den demographischen, sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen, institutionellen, geopolitischen und diskursiven Merkmalen der jeweiligen Grenzregion.

Worum geht es bei dem Langzeitforschungsprojekt in ihrem Buch?

Unser Team hat die postsowjetischen Grenzlande seit den frühen 1990er Jahren untersucht. Wir haben eine Reihe nationaler und internationaler Projekte gestartet und waren an drei großen Projekten beteiligt, die durch EU-Rahmenprogramme gefördert wurden. In den letzten fünf Jahren hat sich unsere Forschung auf das Projekt „Grenzregionen Russlands: Herausforderungen durch Nachbarschaft“ konzentriert, das von der Russischen Wissenschaftsstiftung gefördert wird. Mit dem Projekt verfolgten wir das ehrgeizige Ziel, Herausforderungen an Grenzen zu vergleichen, mit anderen Worten: der Möglichkeiten und Vorteile in den Grenzregionen wie auch der Risiken und Probleme in Verbindung mit den weitläufigen und vielfältigen Grenzgebieten Russlands. Russland grenzt an sechzehn Staaten (wenn wir auch die beiden Staaten Abchasien und Südossetien berücksichtigen, die nur von Russland anerkannt werden), was es weltweit zu dem Land mit den meisten Nachbarstaaten macht.

Unsere Forschungsergebnisse lassen eine Reihe von Schlussfolgerungen zu. Zunächst sind Grenzregionen ein komplexes und sich permanent wandelndes soziales Phänomen. Ihre Funktionen, ihr Ordnungsregime und die Bedeutung in der Innen- und Außenpolitik definieren sich ständig neu, und zwar aufgrund der Veränderungen in den Beziehungen zwischen den benachbarten Ländern, den Devisenkursen, den Wertpapierkursen an der Börse sowie durch andere Faktoren und Ereignisse. Das Phänomen ist ein Spiegel der internationalen Beziehungen und in der Literatur als bordering bekannt.

Zweitens sind grenzüberschreitende Beziehungen und Zusammenarbeit stark von subjektiven Faktoren wie Identität und den Wahrnehmungen abhängig, die Nachbarn jeweils voneinander haben. Diese Wahrnehmungen hängen wiederum vom aktuellen politischen Diskurs ab und werden in den Grenzregionen durch Kultursymbole verkörpert (da Grenzregionen gewissermaßen das Schaufenster eines Landes sind). Wir haben einen digitalen Multimedia-Atlas der Grenzregionen Russlands erstellt, der rund 100 interaktive Karten enthält und bald auf der Website des Instituts für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften verfügbar sein wird.

Was sind die bedeutsamen Merkmale der wichtigsten Grenzregionen Russlands?

Es ist schwierig, irgendeine Grenzregion Russlands im Vergleich mit anderen als wichtiger zu betrachten. Die Grenze zur Europäischen Union ist sehr wichtig, wie auch die Grenze zu Belarus oder Kasachstan, zwei führenden Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion. Die russisch-chinesische Grenze, eine der längsten weltweit, ist ebenfalls äußerst wichtig angesichts der neuen östlichen Ausrichtung der russischen Außenpolitik. Chinas rasche Entwicklung hat in dieser Grenzregion viele interessante Prozesse angestoßen.

Die Situation entlang der russisch-ukrainischen Grenze hat sich dramatisch verändert, da sich die Barriere-Funktion der Grenze drastisch verstärkt hat: Die Ukraine verwehrt männlichen Staatsangehörigen Russlands zwischen 16 und 60 Jahren die Einreise, und für andere Bevölkerungskategorien sind die Formalitäten immer komplizierter geworden. Das hat zu asymmetrischen Menschenbewegungen zwischen den beiden Ländern geführt, weil mehr Ukrainer*innen nach Russland kommen als Russ*innen in die Ukraine. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist zum Erliegen gekommen. Der Zug– und Busverkehr über die Grenze ist zurückgegangen, Flugverbindungen wurden gestoppt. Die Regionen entlang der Grenze haben wegen des Konfliktes zwischen den beiden Ländern beträchtliche wirtschaftliche Verluste zu verzeichnen. Dennoch hat es sich als unmöglich erwiesen, die Grenze undurchdringbar zu machen, weil familiäre Bindungen bestehen und Bürger*innen der Ukraine in Russland arbeiten. Der Tauschhandel zwischen Russland und der Ukraine hat seit Ende 2016 zugenommen.

Die estnisch-russische Grenze ist ein weiteres Beispiel für grenzüberschreitende Beziehungen nach der Auflösung der Sowjetunion, die sich nun auf einem Tiefpunkt befinden. Allerdings zwingt hier die Notwendigkeit, gemeinsame Probleme zu lösen, die beiden Länder an den Verhandlungstisch. Zu den wichtigsten Themen gehören die Fischfangquoten für den Peipussee, die Schaffung günstiger Bedingungen für Familienbesuche und die Regulierung des Estland-Tourismus aus St. Petersburg und anderen Teilen Russlands.

Welche Forschungsmethoden haben Sie bei Ihrer Arbeit zu den Grenzregionen Russlands eingesetzt?

Wie haben Methoden der Humangeographie genutzt, insbesondere statistische und kartographische Analysen. Darüber hinaus haben wir Methoden aus der Soziologie verwendet, beispielsweise Umfragen, Interviews (rund 600 seit 2010) und Fokusgruppen. Wir haben in zwei Städten auf der Krim, in Armjansk und Dschankoj, die Meinung der örtlichen Bevölkerung zu den Folgen der neuen Grenze erforscht. Wir haben uns auf deren Wahrnehmung der jüngsten Ereignisse und der aktuellen Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland konzentriert. Die beiden genannten Städte sind von der Bevölkerungsgröße her vergleichbar, doch unterscheiden sie sich durch ihre Funktion und Sozialstruktur. Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ist in beiden Fällen heterogen, was auch der Grund dafür war, dass unsere Fokusgruppen aufgrund des sozialen Status, des Berufs oder der ethnischen Zugehörigkeit (z.B. Russen, Ukrainer, Krimtataren) zusammengestellt wurden. Wir haben auch in den Grenzregionen zwischen Russland und Kasachstan sowie Russland und China Fokusgruppen gebildet.

Bei unserer Analyse von Medien unterschiedlicher politischer Ausrichtung, die in den vergangenen zwanzig Jahren erschienen sind, haben wir quantitative und qualitative Techniken der Diskursanalyse angewandt, um Zeitungsartikel über Grenzen, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und von der Regierung betriebenes bordering zu studieren. Feldstudien waren von größter Bedeutung: Wir hielten es für sinnvoll, die Grenzen sowie die Siedlungen auf beiden Seiten zu besuchen und unmittelbar zu beobachten.

Welchen Einfluss hat der ukrainisch-russische Konflikt auf die Forschungsarbeit zu anderen Grenzregionen Russlands gehabt?

Die Ereignisse von 2014 haben viele Veränderungen bewirkt, oft zum Schlechteren. Das Jahr bildet für die postsowjetische Ära eine Zäsur zwischen „davor“ und „danach“, auch wenn die Gründe für diese Veränderungen sich lange vor der Ukraine-Krise angesammelt hatten. Die Ukraine, Russlands engster Nachbar, ist zu einem feindseligen Land geworden; es sind zwei nicht anerkannte Volksrepubliken entstanden (Luhansk udnd Donezk), deren zukünftiger Status noch lange Zeit ungewiss bleiben wird; und die Spannungen zwischen Russland und dem Westen sind eskaliert. Die derzeitigen Entwicklungen in der EU können wohl kaum als positiv bezeichnet werden. Die jüngsten Ereignisse haben globale Auswirkungen gehabt. Sie beeinflussen den Prozess der eurasischen Integration, die Beziehungen zu China und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit Russlands mit seinen anderen Nachbarn.

Welche Ergebnisse Ihrer Forschung wären für europäische Leser*innen am meisten von Interesse?

Das Handelsvolumen zwischen Russland und der EU ist zwar in Folge der Sanktionen beträchtlich zurückgegangen, doch bleibt die Europäische Union Russlands wichtigster Handelspartner. Ungeachtet der verschlechterten Beziehungen zwischen der EU und Moskau ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Russland und den Mitgliedsstaaten der EU nicht nur fortgesetzt worden, sondern hat sich darüber hinaus zu neuen Formaten entwickelt; ein Abkommen bestimmt die Länge eines nächsten Kooperationsprogramms. Ähnlich wie in früheren Programmen werden die Länder ihre gemeinsamen Projekte kofinanzieren. Multilaterale Programme sind von bilateralen abgelöst worden, etwa zwischen dem Gebiet Kaliningrad und Polen oder zwischen dem Gebiet Kaliningrad und Litauen.

Die russischen Teilnehmer*innen an den Programmen haben durch die gemeinsamen Projekte wertvolle Erfahrungen gesammelt. Neue stabile Netzwerke haben sich entwickelt. Das nährt die Hoffnung, dass sich die Situation bessern wird und grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Zugpferd einer solchen Verbesserung wirkt.


Vladimir Kolosov ist Professor, stellvertretender Direktor des Instituts für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Leiter des Zentrums für geopolitische Studien dort sowie Leiter der Abteilung für die Geographie der Weltwirtschaft der Moskauer Staatlichen Universität. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Grenzen und bordering im postsowjetischen Raum.


Vladimir Kolosov (ed.), Российское пограничье: Вызовы соседства (Grenzregionen Russlands: Herausforderungen durch Nachbarschaft), Москва 2018.