„Die Ukraine hat anderen postsowjetischen Ländern die Zukunft vorausgesagt“

10.10.2018

In seinem aktuellen Buch „Development and Dystopia. Studies in Post-Soviet Ukraine and Eastern Europe“ (ibidem Press 2018), analysiert Mikhail Minakov die Entwicklungsherausforderungen, das geopolitische Umfeld und die dystopischen Pattsituationen, mit denen postsowjetische Gesellschaften konfrontiert sind, während sie sich zu neuen politischen und kulturellen Ordnungen umformen. Das Buch schlägt einen Weg vor, wie es dem westlichen und dem postkommunistischen Europa gelingen könnte, einen tragfähigen paneuropäischen Raum zu schaffen.

Mikhail Minakov. © ZOiS

Der Titel Ihres Buches lautet übersetzt „Entwicklung und Dystopie“. Im Narrativ der Moderne sind dies Gegensätze. Wie passen sie zusammen?

Die Moderne verfügt über eine lange Geschichte und zeigt in gegenwärtigen Gesellschaften verschiedene Gesichter. Mit dem erweiterten Konzept einer „multiplen Moderne” hat die Theorie der Moderne denjenigen, die zu postsowjetischen Gesellschaften forschen, etwas sehr Wichtiges an die Hand gegeben: die Fähigkeit, unsere Fortschritte und unser Scheitern im größeren Rahmen der europäischen Entwicklung zu sehen.

Ich habe also im Titel versucht, diesen wichtigen Widerspruch der postsowjetischen Zeiten einzufangen: die vielen Versuche einer sozioökonomischen und politischen Entwicklung und deren Scheitern. Mit dem Zusammenbruch der industriellen sowjetischen Moderne gab es Anläufe in der Ukraine, in Russland, Belarus und Kasachstan, modern und „normal” zu werden – also demokratisch, kapitalistisch und individualistisch, wie wir Anfang der 1990er Jahre glaubten.  Die Bemühungen um eine radikale Modernisierung provozierten die Reaktion von Bevölkerungen, die es mit Armut, Unsicherheit und einem Leben unter höchst riskanten Bedingungen zu tun bekamen. Diese Reaktion hat die Richtung der postsowjetischen Entwicklung verändert und umgekehrt, sodass sich die Region innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren in einen Ort der Dystopie, nicht der Entwicklung verwandelt hat.

Die Ukraine ist eines der radikalsten Beispiele für diese postsowjetische Situation. Wir haben dreimal eine schnelle Modernisierung versucht und haben die revolutionären Versprechen nicht einlösen können. Viel Kraft und Kreativität wurden in diesen Fortschritt investiert, aber egal, welche Impulse von innen oder außen kamen, wir fanden uns am Ende in dieser dystopischen Situation wieder. Diese Kluft zwischen den Versuchen und den Ergebnissen hat mich überrascht und ich habe versucht, dieses Rätsel zu lösen.

Was ist also im postsowjetischen Kontext falsch gelaufen?

Im postsowjetischen Kontext haben wir eigene Zyklen der Modernisierung und der Reaktion darauf. Wir hatten in den frühen 1990er Jahren eine ganze Reihe von Revolutionen: Revolutionen im öffentlichen Sektor, die einen Nationalstaat, eine pluralistische Demokratie, einen Raum für die Zivilgesellschaft und für religiöse Freiheiten schufen. Es gab die Revolutionen in der Privatsphäre, im ökonomischen Verhalten, im sexuellen und im Familienleben, eine „kriminelle Revolution“ sowie kulturelle Freiheiten. Meiner Meinung nach hat dieser rasche Wandel nicht nur die Freuden der Freiheit gebracht, sondern war auch ein Schock. Wie überlebt man in Zeiten einer so umfassenden und raschen Modernisierung? Menschen, die in diesem kritischen Moment leben, beginnen verschiedenen Formen von Unfreiheit zu erfinden und sich in informelle Institutionen einzubringen, die stabile Infrastrukturen der Demodernisierung erschaffen, die jeden Versuch untergraben, vorwärts zu kommen oder sich mit anderen, erfolgreicheren modernen Gesellschaften zu integrieren.

Ihr Buch konzentriert sich auf die Ukraine. Inwiefern ist der Fall Ukraine typisch für die postsowjetische Welt?

Die Ukraine spielt in den vier Teilen des Buches jeweils eine andere Rolle. Im ersten Teil untersuche ich die kulturelle, langanhaltende Tendenz der gleichzeitigen Modernisierung und Demodernisierung der postsowjetischen Gesellschaften. Dieses Schicksal teilt die Ukraine mit vielen anderen Ländern. Im zweiten Teil geht es um die postsowjetische Landschaft, in der die Ukraine als ein Land mit schnell ablaufenden revolutionären Zyklen, eine zentrale Rolle spielt. Bisher haben wir zwei Zyklen vollständig durchlaufen: den Versuch, Freiheit, eine freie Gesellschaft und Wirtschaft zu erlangen und die Demodernisierung, eine neue Revolution. In gewisser Weise war die Ukraine die Gesellschaft und das Land, das die Zukunft für andere postsowjetische Länder vorhergesagt hat, für Weißrussland, für Russland. Zumindest ist das meine Auffassung. Im dritten Kapitel des Buches liegt der Fokus auf dem Euromaidan als einem zentralen Ereignis für die ukrainische Gesellschaft und ihre Nachbarländer. Der letzte Teil ist einer Neubewertung der Idee des einen großen Europa gewidmet, wie sie sich für Kiew darstellt. Ist ein Europa, als ein Ort für den Westen, den Osten und den Balkan, noch möglich?

Sie sind ein politischer Philosoph, gleichzeitig aber auch Politikwissenschaftler. Wer hat beim Schreiben des Buches dominiert?

Für mich ist das Fundament die Philosophie. In der politischen Philosophie geht es darum, wie sich Idee und Realität miteinander vereinbaren lassen. Als politischer Philosoph kombiniere ich die neutrale Analyse von Prozessen und Akteuren mit der Leidenschaft und dem Willen, den Raum für persönliche Freiheiten zu bewahren, unter welchen feindlichen Bedingungen auch immer.

Sie sagen, Sie hätten das Buch aus der Perspektive eines Kiewers geschrieben. Warum war Ihnen das wichtig?

Nehmen Sie die Theorie der multiplen Modernen. Es ist die Theorie von Shmuel Eisenstadt, einem Jerusalemer. Von der ewigen Stadt aus hatte er die richtige Distanz, um zu erkennen, wie viele unterschiedliche Modernen es gibt. Ich saß in Kiew, dem zweiten Jerusalem der Slawen. Ich hatte das Privileg, dort zu sein, als Kiewer, und das Buch aus dieser Perspektive zu schreiben mit dem Blick auf den postsowjetischen Raum und das weitere Europa. Dadurch hatte ich eine besondere Position, die sich von den Moskau- oder Brüssel-zentrierten Perspektiven anderer Wissenschaftler*innen unterscheidet.


Mikhail Minakov ist momentan Principal Investigator im Bereich Ukraine beim Kennan Institute, DAAD-Gastprofessor an der Europa-Universität Viadrina und Chefredakteur bei Focus Ukraine, einem Online-Blog des Kennan Institute. 

Mikhail Minakov. 2018. Development and Dystopia. Studies in Post-Soviet Ukraine and Eastern Europe. Stuttgart: ibidem-Verlag.