"Die Identität russischsprachiger Menschen in der Ukraine wurde sozial und politisch vereinnahmt"

03.09.2020

In den Medien ist das Zugehörigkeitsgefühl russischsprachiger Menschen in den vergangenen Jahren der Ukraine-Krise Anlass für viele Spekulationen gewesen. In seiner jüngsten Veröffentlichung “Ukrainian, Russophone and the Other Russian” hat der Politologe Marco Puleri dieses Phänomen analysiert und berichtet nun in einem ZOiS-Interview von seinen Ergebnissen.

© Marco Puleri

Ihr Buch trägt den Titel „Ukrainian, Russophone and the (Other) Russian“. Was ist das, dieses „andere Russisch“?

Durch die politischen und kulturellen Debatten in der Ukraine und in Russland ist recht deutlich geworden, dass die Identität russischsprachiger Menschen in der Ukraine Objekt sozialer und politischer Vereinnahmung gewesen ist. Die Idee zu diesem Buch bestand darin, die binäre Gegenüberstellung von russisch- und ukrainischsprachigen Menschen zu dekonstruieren. Ich wollte die Ukraine nicht als ein „geteiltes“ Land portraitieren. Die Ukraine-[HS1] Krise ist in der Tat ein Prozess, der mit dem Ende der Sowjetunion 1991 begann. In einer Reihe von Ländern fanden sich russischsprachige Menschen auf der Suche nach neuen kulturellen und ideologischen Bindungen wieder. Sie repräsentieren das „andere Russische“. Dieser Begriff geht mit einem Modell der eigenen Identifikation einher, das auf einer komplexen Sammlung unterschiedlicher Hintergründe beruht, die nicht vereinnahmt werden können, weder von der Russischen Föderation, noch vom ukrainischen Staat und dem dortigen politischen Diskurs.

In der Einführung erfahren wir, dass der Begriff „Russophonie“ eine schwierige Entstehungsgeschichte hat. Könnten Sie uns mehr über seine Entwicklung und seine Geschichte erzählen?

Heutzutage stehen wir vor der Herausforderung zu verstehen, wie russische Kultur, die außerhalb der Russischen Föderation entsteht, sich von russischer Kultur innerhalb der Russischen Föderation unterscheidet. So waren wir etwa Zeuge, wie Wladimir Putin sein politisches Vorgehen im Donbass und auf der Krim damit legitimierte und rechtfertigte, dass die „Russen“, die in diesen Gebieten leben, verteidigt werden müssten. Russophonie ist ein Konzept, dass russische Kultur als ein komplexes Feld zu verstehen sucht, welches von unterschiedlichen Akteuren geschaffen wurde, die in unterschiedlichen geographischen Gebieten leben und arbeiten sowie diverse Beiträge zur russischen Kultur erschaffen. Zum Beispiel russischsprachige Autoren, die in der Ukraine veröffentlichen, mittels ihrer Sprache aber einen Beitrag zur russischen Kultur leisten.

Große Abschnitte des Buches verwenden die Lupe der postkolonialen Theorie, die für eine kritische Beschäftigung mit der europäischen US-amerikanischen Kolonialgeschichte entwickelt wurde. Könnten Sie diesen Versuch, die postkoloniale Theorie auf die Geschichte der postsowjetischen Staaten anzuwenden, erläutern?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es unter Historikern, Soziologen und Literaturkritikern eine lange und sehr heftige Debatte zu der Frage, ob es möglich ist, die postkoloniale Methodologie an den Bereich des postsowjetischen Raumes anzupassen. Das Problem ist, dass Russland in diesem Kontext nicht mit den europäischen Kolonialisten aus vormodernen Zeiten vergleichbar ist. Während man die Ukrainer als Opfer der Kulturpolitik in der Sowjetunion beschreiben könnte, waren sie gleichzeitig ein aktiver Teil des sowjetischen Establishments. Daher sollten wir zwar den Ansatz nicht einfach kopieren, können aber doch mit bestimmten Instrumenten der postkolonialen Theorie arbeiten. Das ist der Grund, warum ich beschloss, das Phänomen der Hybridität zu analysieren. Konzentriert man sich auf diesen Aspekt, lässt sich der strikte Binarismus zwischen russischer und ukrainischer Kultur überwinden.

Eines der zentralen Themen Ihres Buches betrifft das Verhältnis zwischen Literatur und Sprache. Nach der Revolution von 2014 haben wir in der Ukraine eine stärkere Verschiebung hin zum Ukrainischen beobachten können. Würden Sie sagen, dass dies auch den Charakter der Literatur verändert hat?

Die ukrainische Sprache ist immer von besonderem Wert für den Aufbau der nationalen Identität gewesen. Während des Kalten Krieges war sie zu einem Symbol für ukrainische Dissidenz geworden, es hat aber keine „Verschiebung“ bei der Sprache gegeben, auch wenn sich jetzt mehr Menschen als ukrainische Bürger betrachten, als vor dem Maidan.

Was die Literatur anbelangt, so können wir feststellen, dass die meisten Autoren, die gewöhnlich auf Russisch publizieren, dies in der Russischen Föderation taten, weil sie dadurch eine größere Leserschaft erreichten. Nach dem Krieg empfanden viele von ihnen einen Druck, ihre Identität als Ukrainer zu bekunden. Einige russischsprachige Autoren haben begonnen, erstmals in der Ukraine zu publizieren und somit durch die Wahl der Verlage und des Publikums Stellung zu beziehen. Auch zogen viele russischsprachige Kulturschaffende, die früher im Donbas oder auf der Krim gelebt hatten, in die kulturellen Zentren der Ukraine, etwa nach Kiew oder Lwiw, wo sie begannen, mit ukrainischsprachigen Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten. Der große Unterschied besteht darin, dass heute mehr Bücher ins Ukrainische übersetzt und in der Ukraine herausgegeben werden.

Wie sieht ihre Prognose aus: Wie wird sich der ukrainische Literaturmarkt in den kommenden Jahren entwickeln?

Der Kulturmarkt in der Ukraine ist recht komplex. In postsowjetischer Zeit ist der Übergang von einer von den Sowjets kontrollierten Kulturszene zu einem liberalen Markt nicht durch institutionelle Politik initiiert worden. Das hatte Auswirkungen auf das Verbreitungsniveau, das sehr niedrig war. Die russischsprachige Literatur befand sich in einer schlechteren Position als die ukrainischsprachige, weil erstere mit dem Literaturmarkt in der Russischen Föderation in Konkurrenz stand, wo die Verbreitung viel größer war als in der Ukraine. Nach dem Euromaidan gingen die Kontakte zwischen dem russischen und dem ukrainischen Literaturmarkt zurück, und der Bedarf an einem unabhängigen ukrainischen Literaturmarkt wurde stärker. Selbst in der Zeit nach dem Maidan gab es immer noch eine Tradition staatlicher Kulturprogramme und von Kulturpolitik auf der institutionellen Ebene. Im Frühjahr dieses Jahres hatte die Regierung ursprünglich geplant, die Kulturförderung zu kürzen, um den wirtschaftlichen Herausforderungen durch Covid-19 zu begegnen, was zu Protesten von Kulturschaffenden führte, die versuchten, die Regierung von der Bedeutung zu überzeugen, die Kultur sogar und insbesondere in Krisenzeiten hat. In der näheren Zukunft wird dies eine der wichtigsten Herausforderungen sein, vor der die Präsidentschaft Wolodymyr Selenskyjs steht.


Marco Puleri ist Research Fellow für postsowjetische Studien in Post-Soviet Studies und Lehrbeauftragter für Osteuropäische Geschichte, Nationenwerdung und Minderheitenschutz an der Universität Bologna. Seine Forschungen konzentrieren sich auf die soziale und kulturelle Entwicklung und Nationenwerdung im modernen Russland und der Ukraine.

Marco Puleri, Ukrainian, Russophone, (Other) Russian: Hybrid Identities and Narratives in Post-Soviet Culture and Politics, Berlin, Peter Lang, 2020