Was bleibt vom Leben im Kommunismus?

09. April 2018

In ihrem aktuellen Buch ergründen Grigore Pop-Eleches und Joshua A. Tucker, wie die Erfahrung des Kommunismus die Einstellungen der Menschen in den postkommunistischen Ländern geprägt hat. Die Autoren zeigen, dass sich sogenannte Legacy-Effekte des Kommunismus‘ tatsächlich auffinden lassen und dass deren Wirkung überraschend konsistent ist. Communism’s shadow: historical legacies and contemporary political attitudes” erschien 2017 bei Princeton University Press.

Was war der Ausgangspunkt für dieses Buch? Was haben Sie in der bisherigen Forschung vermisst?

Grigore Pop-Eleches: Wir haben beide lange über das kommunistische Erbe nachgedacht. Die anfängliche Forschung, die wir und viele andere verfolgten, konzentrierte sich hauptsächlich auf die institutionelle Seite der Dinge und wir fanden, dass es viel weniger Arbeiten darüber gab, wie die Einstellungen und Denkweise der Menschen vom Kommunismus beeinflusst wurden.

Joshua A. Tucker: Als wir mit dem Projekt begannen, was schon einige Zeit her ist, beinhalteten fast alle existierenden Arbeiten über das kommunistische Erbe nur Studien über postkommunistische Länder. Wir hatten die Idee, dass man für die Suche nach Legacy-Effekten, die Einstellungen oder individuellen Verhaltensweise in der postkommunistischen Welt mit denen außerhalb der postkommunistischen Welt vergleichen muss.

Wie sind Sie in diesem Fall vorgegangen?

Tucker: In dem Buch erforschen wir verschiedene Weisen, in denen die Vergangenheit von Bedeutung sein kann. Dies hat Konsequenzen dafür, wie wir über heutiges Verhalten denken und postkommunistische Politik verstehen. Es ist nur ein erster Schritt, zu erkennen, dass das kommunistische Erbe in irgendeiner Art und Weise wichtig ist und dass es in der Region nach dem Zusammenbruch des Kommunismus keine tabula-rasa-Situation gegeben hat. Was wir machen wollten, war, eine exakte wissenschaftliche Methode zu entwickeln, um diese Legacy-Effekte des kommunistischen Erbes testen zu können. Die Fragen waren: Können wir wissenschaftliche Theorien entwickeln, die die Wirkung der Vergangenheit auf das Verhalten der Gegenwart erklären? Und können wir Methoden entwickeln, um diese Theorien wiederum mit empirischen Daten zu überprüfen?

In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen der Erfahrung des "Durchlebens des Kommunismus" (living through communism) und dem "Leben in einem postkommunistischen Land". Warum ist dieser Unterschied wichtig?

Tucker: Es gibt zwei sehr unterschiedliche Erklärungen dafür, warum sich verschiedene Einstellungen beobachten lassen. Man könnte sagen, dass die Bedingungen in den postkommunistischen Ländern anders sind als im Rest der Welt, und die Menschen auf diese Bedingungen auf dieselbe Art und Weise reagieren wie woanders. In diesem Fall bestünde die Erklärung dafür, warum sie beispielsweise eine Marktwirtschaft weniger unterstützen, darin, dass die wirtschaftliche Situation in diesen Ländern in den neunziger Jahren eben so furchtbar war. Das würde bedeuten, dass sich die Unterschiede in den Verhaltensweisen verflüchtigen müssten, sobald sich die wirtschaftlichen Bedingungen denen der übrigen Welt annähern. Wenn dagegen der Mangel an Unterstützung des Marktes auf der Erfahrung gründet, den Kommunismus durchlebt zu haben, kann man annehmen, dass diese Unterschiede in den Einstellungen erst im Laufe der Zeit, etwa aufgrund des Generationswechsels, abnehmen müssten.

Sie haben die Einstellungen zur Demokratie, zu Märkten, sozialer Wohlfahrt und Gleichstellung der Geschlechter zwischen den postkommunistischen Ländern und dem Rest der Welt verglichen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Pop-Eleches: Eine mögliche Hypothese war, dass der Kommunismus im historischen Moment des Jahres 1989 als bankrotte Ideologie verworfen wurde und die Menschen sich in die entgegengesetzte Richtung wenden würden: die Märkte und Demokratie loben, und alles ablehnen, was mit dem Kommunismus zu tun hat. Aber wir haben immer wieder festgestellt, dass die Menschen an den Werten festhalten. Sie befürworten eher den Wohlfahrtsstaat, die Demokratie und Märkte hingegen weniger stark.

Tucker: Wir hatten uns vorgenommen, wichtige Grundzüge der marxistisch-leninistischen Ideologie zu untersuchen, die wir nutzen könnten, um nach den Folgen des Kommunismus zu suchen. Wir wählten die Demokratie wegen des Einparteienstaates, den Markt aufgrund der Planwirtschaft und die staatliche Fürsorge. Dann suchten wir nach etwas, das die Betonung der sozialen Gleichheit repräsentierte, und da gab es diesen starken rhetorischen Einsatz für die Rechte der Frau. Im Gegensatz zu den anderen drei Fällen, bei denen klare Unterschiede in den Meinungen hervortraten, genau auf die Art und Weise, die ein kommunistisches Erbe vorhersagen würde, haben wir in diesem Fall nicht gefunden. Es war ein ganz anderes Muster, als wir in den anderen drei Fällen vorgefunden hatten.

Inwiefern?

Pop-Eleches: Vor allem ist es der eine Bereich, in dem wir kein beständiges kommunistisches Erbe sehen. Wir hätten eine größere Unterstützung für die Gleichstellung der Geschlechter erwartet, aber wir sehen keinen positiven Effekt, sondern sogar einen negativen. Wir beobachteten auch sehr unterschiedliche Muster der intergenerationellen Übertragung von Einstellungen. Für die anderen Sachverhalte – Demokratie, soziale Wohlfahrt und Märkte – haben wir festgestellt, dass ein Leben im Kommunismus als Erwachsener die Einstellung der Menschen weitgehend prägte. Was wir zum Thema Gender herausfanden war anders. Ein früher Kontakt mit dem Kommunismus lieferte die Ergebnisse, die wir erwarteten: Menschen, die in ihrer Jugend den Kommunismus durchlebten, unterstützen die Gleichstellung der Geschlechter. Das Leben im Kommunismus als Erwachsener hat jedoch den gegenteiligen Effekt!

Tucker: Obwohl es nicht das zentrale Thema unserer Studie war, ist die Feststellung interessant, dass es wohl der Kontakt während der Jugend war, der für die Gleichstellung der Geschlechter wichtig ist. Wenn Sie auf einen Bereich in der kommunistischen Gesellschaft verweisen wollen, in dem die kommunistischen Regime auf ihre Worte zur Gleichstellung der Geschlechter auch Taten haben folgen lassen, dann wären es die Schulen, insbesondere die Grund- und Sekundärschulen.

Wie wichtig ist die Erfahrung des Zusammenbruchs des Kommunismus selbst für die Einstellungen der Menschen?

Tucker: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, über das Erbe der Vergangenheit zu sprechen. Es könnte auch Auswirkungen haben, eine Periode zu durchleben, in der das Regime völlig zusammengebrochen ist, aber das erfordert einen anderen Forschungsaufbau. Unsere Absicht war es, eine Methode zu entwickeln, um etwas über die Legacy-Effekte des Kommunismus – die kommunistischen Spuren – zu lernen. Man könnte sich vorstellen, dasselbe Modell zu verwenden, welches wir zur Untersuchung des kommunistischen Erbes nutzten, um zu erfragen, wie die Menschen die Übergangsphase erlebt haben.

Pop-Eleches: Wir waren verwundert, wie einheitlich sich die Legacy-Effekte in den verschiedenen ehemaligen kommunistischen Ländern auswirkten. Die Transformation nahm sehr unterschiedliche Formen an und es gab eine Vielzahl postkommunistischer Erfahrungen: der wirtschaftliche Zusammenbruch in einigen Ländern und eine relativ gute Wirtschaftsleistung in anderen. Die Tatsache, dass wir in diesen Ländern dennoch ziemlich übereinstimmende Einstellungen sehen, lässt darauf schließen, dass es weniger die Erfahrung des Wandels ist, die diese Werte geprägt haben, als die Erfahrung des Kommunismus selbst.


Grigore Pop-Eleches ist Professor of Politics and Public and International Affairs an der Princeton University.

Joshua A. Tucker ist Professor of Politics und Direktor des Jordan Center for the Advanced Study of Russia an der New York University.