Deutsch-russische Netzwerke in den sozialen Medien

Über Interaktionsdaten von Online-Gruppen hat eine Wissenschaftlerin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) die Kommunikation der heterogenen postsowjetischen Minderheiten in Deutschland in den sozialen Medien untersucht.

Dabei ging es um die digitalen Netzwerke von Migrant*innen aus Russland, der Ukraine und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion (in erster oder zweiter Generation). „Es gibt keine geschlossenen Ökosysteme ‚postsowjetisch-deutscher‘ digitaler Communities“, erklärt Tatiana Golova, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS und Autorin der Studie. „Stattdessen beziehen sie sich aktiv auf unterschiedliche Online-Ressourcen (individuelle wie kollektive Accounts) im russischsprachigen Raum.“

Einfluss russischer Staatspositionen

Sich im postsowjetischen Raum verortende politische Gruppen, darunter solche, die in der Ukraine-Krise die russische Staatsposition vertreten, üben inhaltlich Einfluss auf Gruppen im „deutschen“ Segment von VKontakte, dem russischen Äquivalent von Facebook, aus. „Dies gilt nicht für das gesamte, fragmentierte Netzwerk, sondern für bestimmte politische Teilnetzwerke und Teilnetzwerke, die sich auf die Geschichte und Gegenwart konkreter Gruppen, v.a. der Russlanddeutschen konzentrieren.“

Pro-russische Themen als Anknüpfungspunkt für die politische Rechte

Es bestehen auch Verbindungen zwischen deutschen Rechtsradikalen und politisierten Online-Gruppen postsowjetischer Migrant*innen. „Sie werden über Gruppen und Seiten hergestellt, die mit der pro-russischen ‚Volksdiplomatie‘ wie Freundschaftsfahrten, der Unterstützung für Separatistenbewegungen in der Ostukraine, sowie mit einer xenophoben und/oder antiamerikanischen Rhetorik zusammenhängen“, so Golova.

Für die Studie wurden Daten über eine Schnittstelle des größten russischen sozialen Netzwerks VKontakte erhoben. Analysiert wurde nicht das Nutzungsverhalten einzelner User, sondern Interaktionsdaten von Gruppen und öffentlichen Seiten (Public Pages): Immer wenn eine Gruppe, Inhalt einer anderen Gruppe oder öffentlichen Seite teilt, wird dies als Verbindung ausgewertet, aus der sich zum einen auf einen Informationsfluss und eine inhaltliche Nähe, zum anderen auf einen Einfluss schließen lässt. Anhand dieser sogenannten Reposts ergaben sich komplexe Netzwerke, die mithilfe einer Software analysiert und graphisch repräsentiert werden konnten.

Vielfältige Netzwerke

Es gibt Gruppen, die lokale Herkunftsidentitäten pflegen, andere bieten konkrete Vernetzungsangebote in deutschen Städten. Identitätszentrierte Angebote konzentrieren sich auf Geschichte und Gegenwart bestimmter Gruppen, v.a. der Russlanddeutschen. Daneben gibt es russischsprachige Gruppen für Witze, populäre Wissenschaft und Memes mit Bezug zu Deutschland.

Neben den politischen Gruppen postsowjetischer Migrant*innen („Russlanddeutsche in der AfD“) finden sich Gruppen aus dem deutschen politischen System, die zwar keinen migrantischen Bezug haben, aber im russischen Netzwerk VKontakte zu postsowjetischen Themen aktiv sind. Deutsche politische Accounts auf VKontakte sind fast ausschließlich im rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Bereich oder alternativ in der Nähe bestimmter Akteur*innen der Partei Die Linke zu verorten.

Der Vernetzungsgrad ist unterschiedlich. Es gibt Gruppen, die gar nicht oder nur ausnahmsweise aus anderen Gruppen posten. Dazu gehören öffentliche Auftritte von Parteien, die sich in den letzten Jahren aktiv um russlanddeutsche Spätaussiedler bemüht haben: Die Gruppe der „Alternative für Deutschland“ und „Die Einheit“ adressieren ihr Publikum auf VKontakte, vernetzen sich aber nicht mit anderen Akteur*innen auf dieser Plattform und betreiben keine aktive Mobilisierungsarbeit über Netzwerke. Im Fall der AfD ist eine andere, inoffizielle Gruppe „Freunde der AfD“ dagegen sehr aktiv und mit anderen rechtsradikalen Gruppen oder Accounts gut vernetzt.

Publikation
Tatiana Golova: Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media- Öffentlichkeiten. ZOiS-Report Nr. 2 / 2018.