Pressemitteilung 9.5.2018

Ukrainische Sprachpolitik als Sicherheitspolitik?

Die derzeitige Sprachpolitik in der Ukraine soll das Ukrainische gegenüber dem Russischen stärken und als alleinige Staatssprache durchsetzen. An der Verknüpfung von Sprachen- und Sicherheitspolitik zeigt sich der Einfluss des andauernden Krieges im Donbass. Dabei ist die in der Ukraine verbreitete Zweisprachigkeit keineswegs eine Gefahr für eine ukrainische Identität, wie aktuelle Forschungen zeigen.

Verkauf russisch- und ukrainischsprachiger Bücher in L’viv. © Alamy

Über eine Vorlage „Über die Sicherstellung der Funktion des Ukrainischen als Staatssprache“ wird zurzeit im Ukrainischen Parlament verhandelt. Das Gesetz sieht vor, dass alle ukrainischen Staatsbürger*innen Ukrainisch beherrschen, und dass die Kenntnis der ukrainischen Sprache Voraussetzung für eine Beschäftigung in vielen öffentlichen Bereichen ist. Die unmittelbaren Auswirkungen auf den Alltag dürften gering sein; es geht eher um die langfristigen Folgen der Sprachpolitik, zu der auch das Bildungsgesetz vom September 2017 gehört, das Ukrainisch als alleinige Unterrichtssprache im Sekundarbereich vorschreibt.

„Anders als die aktuelle Sprachpolitik in der Ukraine und der damit einhergehende politische Diskurs vermuten lassen, gefährdet die gerade im Südosten weit verbreitete Zweisprachigkeit eine ukrainische Identität oder eine Identifikation mit dem ukrainischen Staat nicht“, so Gwendolyn Sasse Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS).

Eine Umfrage des ukrainischen Instituts KIIS zufolge pflegten 2017 insgesamt 50 Prozent der Befragten eine zweisprachige Praxis im Alltag, sie sprachen entweder „meistens Russisch“, „meistens Ukrainisch“ oder „beide Sprachen gleichermaßen“.

Vom ZOiS durchgeführte Umfragen unter der direkt vom Krieg betroffenen Bevölkerung in beiden Teilen des Donbass und unter Geflüchteten zeigen, dass es nicht nur eine Muttersprache – das Ukrainische – ist, die „ukrainische“ Identitäten prägt. Eine von den Befragten selbst konstatierte duale Muttersprache (Ukrainisch und Russisch) hat einen ähnlichen Effekt, insbesondere auf die von den Befragten beschriebenen Identitätsverschiebungen. „Die ZOiS-Daten zeigen, dass bei allen erfassten Untergruppen des ehemaligen Donbass-Gebiets die Wahrnehmung, sich ‚stärker ukrainisch‘ zu fühlen, und – im Falle der Bevölkerung in dem von Kiew kontrollierten Teil des Donbass –, sich stärker als ukrainische Staatsbürger*innen zu fühlen, explizit ein- und zweisprachige Identitäten umfasst“, erläutert Sasse.

Zum Thema ist unter dem Titel ‚Identity Politics in Times of Crisis: Ukraine as a critical case‘ eine Sonderausgabe der Zeitschrift Post-Soviet Affairs erschienen, die noch bis Ende Mai frei zugänglich ist.