Die Kirchen und der Krieg in der Ukraine

Im aktuellen ZOiS Report untersucht Regina Elsner den Umgang der orthodoxen Kirchen in Russland und der Ukraine mit dem Krieg. Sie erklärt, warum die orthodoxen Kirchen der politischen Instrumentalisierung wenig entgegenzusetzen haben. Auch das friedensstiftende Potential der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine wurde durch diese Instrumentalisierung zunächst verspielt.

© Regina Elsner

Im nun schon seit fünf Jahren andauernden Ukraine-Krieg haben die orthodoxen Kirchen der beiden Länder ambivalente Haltungen angenommen. „Neben lokalen Initiativen zu Flüchtlingsversorgung und Versöhnung stehen das Verschweigen oder Relativieren des Krieges als ‚Bürgerkrieg‘ oder der Versuch, kirchliche Identitäten mit politischem Kalkül gegeneinander auszuspielen“, fasst die Theologin Regina Elsner zusammen.

Friedensstiftendes Potential nicht genutzt

Auch die Forderung nach einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine erhielt durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine eine neue Dynamik. Dieser Prozess zeigt, wie Religion und vorhandene innerreligiöse Spannungen in einem politischen Konflikt so instrumentalisiert werden können, dass dieser eine ausdrücklich religiöse Dimension erhält. „Auch wenn die neue Kirche das Potential hat, innerhalb der Ukraine stabilisierend und versöhnend zu wirken, wurde dieses Potential durch die politische Instrumentalisierung zunächst verspielt“, erläutert die Autorin der Studie.

Fehlender Dialog der Kirchen mit der Gesellschaft

Dass die orthodoxen Kirchen einer politischen Instrumentalisierung wenig entgegenzusetzen haben, liegt nach Elsner auch daran, dass bislang keine systematische theologische sozialethische Auseinandersetzung mit den Themen Krieg und Frieden stattgefunden hat. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die Impulse der Friedensbewegung nicht weiterentwickelt. „Während Frieden der individualethischen Reflektion zugeordnet wurde, wurde Krieg zum Thema einer neuen Nähe von Kirche und Staat. Die Gesellschaft als Akteurin des menschlichen Zusammenlebens wurde als Dialogpartnerin ignoriert“, erklärt Elsner.

Die Frage, welche Rolle Religionen in kriegerischen Konflikten generell spielen, wurde von der Forschung in den letzten Jahren ausführlich untersucht. Für die orthodoxen Kirchen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion steht eine umfassende Analyse der friedens- oder konfliktfördernde Aspekte jedoch noch aus. Der vorliegende ZOiS Report liefert erste Ergebnisse für eine allgemeinere Einordnung des sozialethischen Denkens der Russischen Orthodoxen Kirche im 21. Jahrhundert.

Publikation:

Regina Elsner: Friedensstifter oder Konfliktträger? Der Krieg in der Ukraine als sozialethische Herausforderung für die orthodoxen Kirchen, ZOiS Report 2/2019.