Aserbaidschans religiöse Vielfalt: Markenzeichen und Objekt der Kontrolle

Pressemitteilung, 8. Juli 2020

Heydar-Moschee in Baku

Heydar-Moschee in Baku © Tsypylma Darieva

Aserbaidschan ist eines der am stärksten säkularisierten Länder der islamischen Welt. Ein neuer ZOiS Report untersucht, wie der Staat auf die wachsende religiöse Vielfalt reagiert. Während auf der internationalen Bühne das Image religiöser Vielfalt gepflegt wird, stehen vor allem religiöse Gruppen und Gemeinden, die mit globalen oder oppositionellen Einflüssen assoziiert werden, unter strikter Kontrolle.

Aserbaidschan ist ein Beispiel für den säkularen Umgang mit der postsowjetischen Wiederkehr des Religiösen. Der moderne aserbaidschanische Staat betreibt die Trennung der Religion vom Staat und lässt ein gewisses Maß an ethnischer und religiöser Pluralität zu, etwa indem eine wachsende Zahl weiterer muslimischer Gruppen, Christen und Juden anerkannt werden. Über das letzte Jahrzehnt hat die Regierung ihre moderate Religionspolitik gegenüber dem Islam jedoch durch einen restriktiveren Ansatz ersetzt.

„Nach Ansicht der Eliten, soll der Islam als kulturelles Merkmal und Element von Aserbaidschans nationalem Erbe bewahrt werden und nicht als soziale Komponente und Teil des öffentlichen Lebens“, erklärt die Autorin des Reports Tsypylma Darieva.

Strategien der Kontrolle

Aserbaidschans staatliche Eliten wenden gegenüber Glaubensorganisationen drei Strategien an. Erstens, eine Strategie der Kontrolle des Glaubens und seiner Präsenz im öffentlichen Raum, insbesondere in Bezug auf neue „puristische“ muslimische Gemeinden und den oppositionellen Shia-Islam, der mit Iran in Verbindung gebracht wird.

Die zweite Strategie umfasst selektive Beschränkungen für die nichttraditionellen Glaubensrichtungen mit grenzübergreifenden Verbindungen wie sie etwa für die Zeugen Jehovas, evangelikale Kirchen, den Krishnaismus und den Baha’i-Glauben gelten. Die dritte Strategie, strategische Kooptation, besteht darin, dass jene Konfessionen, die Aserbaidschans Image international befördern können, strategisch zugelassen werden. Dazu zählen insbesondere das Judentum, die Russische Orthodoxe Kirche, die evangelisch-lutherischen Kirchen und der Katholizismus.

Toleranz als Markenzeichen

Toleranz ist in Aserbaidschan ein von oben verordnetes Verwaltungsinstrument, das die nationale Einheit befördern soll, indem ethnische und religiöse Vielfalt anerkannt wird. „Die Regierung inszeniert ein multikulturelles Image, um das internationale Ansehen Aserbaidschans zu erhöhen, wohl um sich von anderen islamischen Staaten, etwa im mittleren Osten und arabischen Raum, abzugrenzen,“ so die Einschätzung von Darieva.

Der vollständige Report ist online verfügbar:
Tsypylma Darieva: “Faith and State: Governing Religious Plurality in Post-Soviet Azerbaijan”, ZOiS Report 3/2020

Tsypylma Darieva ist Sozialanthropologin und leitet am ZOiS den Forschungsschwerpunkt Migration und Diversität.