Jungsein in einer Autokratie: Eine neue Generation in Belarus zwischen Ost und West

Der Report präsentiert die Ergebnisse einer im Februar 2019 durchgeführten ZOiS-Umfrage. Befragt wurden rund 2 000 Belaruss*innen im Alter zwischen 16 und 34, die in den urbanen Zentren des Landes leben.

Wunsch nach Annäherung an die EU

40% der Befragten finden engere Beziehungen mit der Europäischen Union erstrebenswert, auch wenn das die Beziehungen zu Russland beeinträchtigen könnte. Ebenso steht die Mehrheit einem gemeinsamen Staat mit Russland ablehnend gegenüber. Belarus und Russland haben 1999 einen Unionsvertrag geschlossen, dessen Umsetzung sich bisher auf die Kooperation in bestimmten Bereichen beschränkt (Wirtschaft, Energiesektor, Harmonisierung von Gesetzen). (Abb. 1)

Trotzdem sind die Verbindungen zu Russland vergleichsweise eng. „Die gesellschaftlichen Werte junger Menschen in Belarus spiegeln Normen wider, die auch in anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern zu finden sind, allerdings sind die Mobilität und persönliche Verbindungen zwischen Ländern der ehemaligen Sowjetunion im Vergleich größer“, erklärt der Autor des Reports, Félix Krawatzek.

Russisch dominiert im Alltag

Die Sprachfrage ist in Belarus kein übermäßig politisiertes Thema. Zwar hat die belarussische Sprache eine gewisse Bedeutung für die Jugend, und 30% gaben an, diese verstärkt nutzen zu wollen, jedoch ist Russisch weiterhin die dominante Alltagssprache. So gaben 90% an, dass sie in öffentlichen Situationen bevorzugt Russisch sprechen.

Abbildung 1

Wissen über Proteste, geringe Teilnahme

Fast 40% der Befragten erklärten, sich für Politik zu interessieren. 50% wollen an den Parlamentswahlen im Herbst teilnehmen und 70% an den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. (Abb. 2) Diejenigen, die nicht wählen, begründeten dies zu 39% damit, dass ihre Stimme keinen Unterschied machen werde, 20% gaben an, dass sie die Wahl nicht interessiere. Bemerkenswert ist außerdem, dass trotz der umfassenden Zensur 47% der Befragten von politischen Protesten gehört hatten. Allerdings gaben lediglich 3% an, in den letzten 12 Monaten an Protesten teilgenommen zu haben.

Abbildung 2: Intentions to vote in parliamentary and presidential elections

Onlinemedien als Hauptinformationsquelle

In den letzten zwei Jahren hat sich die Kontrolle des Staates über die belarussische Medienlandschaft deutlich verstärkt, was es den Menschen im Land zunehmend schwerer macht, an Informationen zu gelangen. Wie in anderen europäischen Ländern informieren sich junge Menschen in Belarus zu politischen Ereignissen hauptsächlich über Onlinemedien, allen voran Vkontakte (VK.com), dem russischsprachigen Facebook-Pendant, welches 23% als primäre Informationsquelle nutzen. YouTube wurde mit 12% als zweithäufigstes Onlinemedium angeführt. 14% nannten das belarussische Fernsehen als ihre Primärquelle. Russische Medien wurden lediglich von 4% der Befragten genannt. (Abb. 3)

Starke transnationale Verflechtungen

Knapp die Hälfte der Befragten gab an, Familie oder Freunde in EU-Staaten zu haben, 70% haben persönliche Verbindungen nach Russland. Weiterhin besitzt ein Drittel persönliche Verbindungen in die Ukraine.

Abbildung 3: Main source of information

Weitere Ergebnisse der Umfrage finden sich im ZOiS Report 5/2019: “Youth in Belarus: Outlook on Life and Political Attitudes” von Félix Krawatzek.