Ukrainischer Kirchenstreit mit Sprengkraft

Während in politischer Hinsicht die Lage in der Ukraine zu stagnieren scheint, ist um die angestrebte kirchliche Unabhängigkeit – die Autokephalie – ein erbitterter Streit entbrannt.

Das Streben nach nationalen Kirchen steht häufig in Verbindung mit nationalistischen Stimmungen, meint Regina Elsner, Theologin am ZOiS. „Wenn die ukrainischen orthodoxen Gläubigen der ‚nationalen Verführung‘ entgehen wollen, müssten sie in ihrem Streben nach Autokephalie die Möglichkeiten eines nationalistischen Missbrauchs größtmöglich einschränken“, so Elsner. Dies scheint jedoch angesichts der Tatsache, dass die aktuellen Bemühungen durch den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko im Kontext des Krieges mit Russland initiiert wurden, äußerst schwierig.

Im April 2018 hatte sich Poroschenko wiederholt mit der Bitte an den Patriarchen von Konstantinopel gewandt, einer geeinten ukrainischen orthodoxen Kirche die Autokephalie zu gewähren, die für die Einheit und den gesellschaftlichen Frieden in der Ukraine notwendig sei. Am 8. September entschied das Patriarchat von Konstantinopel, diesen Prozess mit der Entsendung zweier Exarchen in Gang zu setzen. Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche sprachen daraufhin von einer „Kriegserklärung“.

Dramatische Verstrickung von Politik- und Kirchenstrategie

Auch wenn die Bemühungen um Autokephalie in der Geschichte nie rein innerkirchliche Prozesse waren, sondern immer mit der Herstellung oder Verschiebung nationaler Grenzen einhergingen, ist die Verstrickung von politischen und kirchlichen Strategien im Fall der Ukraine besonders dramatisch. Die ukrainische Autokephalie ist symbolisch so sehr mit der nationalen Identität verknüpft, dass Fragen der konfessionellen Identität – also auch nach den Gemeinsamkeiten mit dem Patriarchat von Moskau – kaum mehr thematisiert werden können.

Wunsch nach kirchlicher Einheit

Die machtpolitischen Hintergründe, die politische Einflussnahme auf die Kirchen in Russland und in der Ukraine sind nicht zu übersehen. „Dabei wird oft vergessen, worum es eigentlich geht“, meint Regina Elsner: „um die Sehnsucht vieler ukrainischer Gläubiger nach einer einigen und weltweit anerkannten orthodoxen ukrainischen Kirche.“

Bisher gehört die Ukrainische Orthodoxe Kirche mit einem Status „weiter Autonomie“ zum Patriarchat von Moskau. In der Ukraine gehören aber knapp die Hälfte der orthodoxen Gläubigen anderen Kirchen an, zumeist der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, die kanonisch nicht anerkannt wird.

Die Herstellung einer von Moskau unabhängigen autokephalen Kirche führt bereits jetzt zur Eskalation im langen Streit innerhalb der Weltorthodoxie, sie gießt aber auch Öl ins Feuer des politischen und gesellschaftlichen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine.