Kritische Kunstmärchen aus Kasachstan

Im autoritär regierten Kasachstan hat sich ein junger Intellektueller mit einem Kunstgriff ungewöhnliche Freiheiten geschaffen: Der Autor Yuriy Serebryansky kleidet seine Gesellschaftskritik in die Form des modernen Kunstmärchens. „Während sich Journalist*innen und Blogger*innen in Kasachstan Zensur und Repression ausgesetzt sehen, beurteilen kasachstanische Literaturschaffende ihre Lage als hinreichend frei“, analysiert die Slavistin Nina Frieß in ihrem ZOiS Report.

Ein Binnensee geht auf die Suche nach seinem Vater, ein Adler verbrennt sich die Flügel an der Sonne – Serebryanskys Kasachstanische Märchen richten sich bei erster Lektüre zunächst an Kinder. Schon bei diesem ersten Blick ins Buch aber fällt auf, dass die Texte sowohl in kasachischer als auch in russischer Sprache abgedruckt sind. Damit sind sie nahezu allen Bürger*innen des Vielvölkerstaats Kasachstan verständlich, wo Russisch auch fast 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion noch die Sprache der interethnischen Kommunikation ist.

Die Figuren, Orte und Geschichten, die Serebryansky in seinen Texten erschafft, spiegeln den kulturellen Reichtum des größten Binnenlands der Erde – und sie sind für alle Bürger*innen des Landes leicht verständliche Allegorien, etwa auf die ökologische Katastrophe des Verschwindens des Aralsees oder die Symbolik der Nationalflagge Kasachstans. Dies gilt umso mehr für das Märchen "Der Erfinderkönig", das von einem Herrscher erzählt, der keinen Kontakt zu seinem Volk und folglich keine Vorstellung davon hat, wie es lebt.

„Die so entstehenden Märchen haben nicht nur unterhaltenden, sondern auch sozialkritischen Charakter. Die Dechiffrierung dieser kritischen Ebene macht den besonderen Reiz und gleichzeitig das verbindende Moment der Texte aus“, analysiert Nina Frieß. „Wer in der Lage ist, den kulturellen Code der Märchen zu knacken, gehört zur Gemeinschaft dazu. Dafür reicht es aus, mit den kasachstanischen Gegebenheiten vertraut zu sein. Darin liegt das Identitätsangebot, das Serebryansky seinen Leser*innen unabhängig von ihrer Altersstufe und ihrer Herkunft macht.“

Solch leise, doch für mit dem kasachstanischen Alltag vertraute Bürger*innen gut vernehmbare Kritik ist ungewöhnlich für ein Land, in dem Presse und Medien harsch unterdrückt und Internetseiten rigoros blockiert werden. Doch ZOiS-Forscherin Nina Frieß zeigt in ihrem ZOiS Report auf, dass Literat*innen in Kasachstan Freiheiten für sich und ihr Werk behaupten, die für Journalist*innen und Blogger*innen heute unerreichbar sind – was freilich nicht zuletzt damit zusammen hängt, dass Kasachstans herrschende politische Elite Literatur nur geringe Bedeutung beimisst.

Nina Frieß beschreibt in ihrem Report auch, wie Märchen-Autor Yuriy Serebryansky sich von dem für kasachstanische Literaten normalerweise wirtschaftlich entscheidenden russischen Buchmarkt emanzipiert hat. Die Publikation seiner Kasachstanischen Märchen finanzierte Serebryansky zum Teil durch eine Crowdfunding-Kampagne. "Solche neuen Publikationsformen haben das Potential, gesellschaftlich relevanter Literatur in Kasachstan zu einer Renaissance zu verhelfen. Diese kann so beispielsweise das Zusammenleben im kasachstanischen Vielvölkerstaat verhandeln – was bei Ausrichtung auf den russischen Büchermarkt so zweifellos nicht möglich wäre", erklärt Nina Frieß.

Der vorliegende ZOiS Report lässt in längeren Interviewpassagen auch den Autor Yuriy Serebryanskys selbst zu Wort kommen. Am Ende des Reports finden sich zudem zwei mit freundlicher Genehmigung des Verlags Aruna abgedruckte Texte aus der Märchensammlung erstmals in ihrer deutschen Übersetzung.

Publikation:

Nina Frieß: „‘Kasachstanische Märchen‘ – ein literarisches Identitätsangebot für alle Kasachstaner*innen“, ZOiS Report 1 / 2019