Orthodoxe Friedensethik und Militarisierung im postsowjetischen Raum

Projektkoordination: Dr. Regina Elsner

Das Thema Friedensethik wird im Kontext der Orthodoxie wissenschaftlich kaum verhandelt, der Bedarf nach einer solchen Reflexion nimmt jedoch stetig zu. Verschiedene aktuelle Entwicklungen in Russland, der Ukraine und Belarus unterstreichen die anhaltende Bedeutung des friedensethischen Themas für die orthodoxen Kirchen in diesen Ländern. Dies sind vor allem der bleibende Konflikt zwischen den orthodoxen Kirchen in der Ukraine mit diversen Implikationen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Krieg sowie Fragen der Versöhnung. Es ist außerdem die fortgesetzte Militarisierung in der Russischen Orthodoxen Kirche, zu beobachten unter anderem am Bau der „Kathedrale der Streitkräfte“ bei Moskau zum 75. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Schließlich macht die Haltung der Orthodoxen Kirche in Belarus im Rahmen der Proteste nach der Präsidentschaftswahl im August 2020 weitere Aspekte des orthodoxen Verständnisses von Konflikt, Gewalt und Versöhnung sowie der innerkirchlichen Aushandlungen zwischen Kirchenführung und Gläubigen deutlich. In allen drei Gesellschaften deuten Initiativen auf lokaler Ebene wie ukrainische Dialogprojekte oder die russische Bewegung der „nationalen Buße“ auf ein friedensethisches Bewusstsein unter orthodoxen Gläubigen hin, die in einem gewissen Kontrast zu offiziellen Äußerungen stehen

In dem Projekt werden einerseits Grundlagentexte und offizielle Äußerungen zu friedensethischen und konfliktpolitischen Fragen systematisiert, und andererseits praktische Umsetzungen analysiert und zu den theologischen Grundlagen ins Verhältnis gesetzt. Der Blick auf die Praxis, auf religiöse bzw. im orthodoxen Glauben verankerte Aktivitäten von Gemeinden, Priestern und orthodoxen Gruppierungen soll die politische und gesellschaftliche Relevanz der kirchlichen Positionen einordnen und helfen, die Wechselwirkung zwischen kirchlicher Theologie, kirchlicher Praxis und gesellschaftspolitischen Entwicklungen besser zu verstehen. Die Verknüpfung von theologischen, kirchenpolitischen und glaubenspraktischen Perspektiven ist außerdem notwendig, um im Sinne der religious literacy das öffentliche, politische und wissenschaftliche Bewusstsein für die Pluralität orthodoxer Positionen zu schärfen. Damit können auch die Handlungsoptionen in der Einbindung orthodoxer Kirchen in Friedens- und Versöhnungsprozesse in Russland und der Ukraine perspektivisch erweitert werden.