Moral statt Frieden. Der sozialethische Diskurs der Russischen Orthodoxen Kirche zwischen theologischer Souveränität und politischer Anpassung

Projektkoordination: Dr. Regina Elsner

Gegensätze: Ein orthodoxes Kloster neben einer Ruine im Dorf Arskoje in der Region Uljanowsk. © Denis Sinyakov/ n-ost

Das Projekt untersucht die Dynamik der russisch-orthodoxen Sozialethik seit dem Ende der Sowjetunion. Gehören sozialethische Themen zunächst nicht zum Kernanliegen orthodoxer Theologie, so lässt sich in Russland eine bemerkenswerte Dynamik sozialethischer Positionierungen und ihrer Wirkung auf gesellschaftspolitische Diskurse beobachten. Während einige Grundlagendokumente der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) seit dem Jahr 2000 vor allem innerkirchliche Richtungsweisungen sind, hat der Wertediskurs eine exponierte staatliche und gesellschaftliche Relevanz gewonnen. Der Rekurs auf die Orthodoxie, auf Positionen der Kirchenführer und auf die von den traditionellen orthodoxen Werten geprägte russische Geschichte ist fester Bestandteil der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten.

Die Dynamik des sozialethischen Diskurses der ROK und ihre Verflechtung mit den gesellschaftspolitischen Prozessen in Russland werfen Fragen auf, die im Rahmen des Forschungsprojekts beantwortet werden sollen. Sie betreffen zum einen die theologischen Grundlagen der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Verortung der ROK, die Möglichkeiten einer Systematisierung der Entwicklung der sozialethischen Positionierungen sowie die Frage nach alternativen theologischen sozialethischen Konzepten. Zum anderen ist zu untersuchen und zu systematisieren, welche Parallelen und Brüche es zwischen der kirchlichen sozialethischen Positionierung und den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gibt, welche Konvergenzen und Divergenzen es zwischen staatlichen und kirchlichen Interessen gibt und ob sich schließlich Aussagen treffen lassen über den Einfluss der sozialethischen Positionierungen der ROK auf die gesellschaftlichen Dynamiken angesichts innerer und äußerer Konflikte.

Patriarch Kyrill I. ruft zum Gebet zur Unterstützung der orthodoxen Kirche, nachdem die regierungs- und kirchenkritische Punkband Pussy Riot in die Christ-Erlöser-Kathedale in Moskau eingedrungen war. © Denis Sinyakov/ n-ost