Moral statt Frieden. Der sozialethische Diskurs der Russischen Orthodoxen Kirche zwischen theologischer Souveränität und politischer Anpassung

Projektkoordination: Dr. Regina Elsner

Patriotismus als von der Regierung propagierter »tranditioneller Wert« führt in Russland zu einer neuen Nähe von Kirche und Militär. © Denis Sinyakov/ n-ost

Schwerpunkt dieses Projekts ist die Dynamik des sozialethischen Denkens der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) seit dem Ende der Sowjetunion. Die Theologin Regina Elsner analysiert dabei das Wechselspiel zwischen den Veränderungen und Schwerpunktsetzungen der kirchlichen Argumentation einerseits und den gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Russland andererseits.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich die kirchliche Sozialethik, also die theologische Auseinandersetzung mit den Fragen des guten Zusammenlebens der Menschen, seit dem Ende der Sowjetunion stark verändert hat. Das betrifft zum einen die inhaltliche Schwerpunktsetzung: Während bis zu den 1980er Jahren das auch staatlich diktierte Thema des Friedens dominant war, wurde es in den 1990er Jahren durch die Frage der Religions- und Gewissensfreiheit ersetzt, seit den 2000er Jahren schließlich wird die Sozialethik zunehmend vom Diskurs über traditionelle moralische Werte bestimmt.

Zum anderen betrifft die Dynamik des sozialethischen Denkens auch die Wechselwirkung mit gesellschaftspolitischen Veränderungen. Für die Sozialethik ist eine Orientierung an der Gesellschaft, in der die Kirche lebt, konstitutiv und gleichzeitig hat die Kirche den Anspruch, mit ihrer Botschaft Einfluss auf diese Gesellschaft zu nehmen. Möglichkeiten und Grenzen dieser Wechselwirkung sind jedoch beweglich, je nachdem, wie sich die Kirche im Geflecht aus Staat, (Zivil-)Gesellschaft und Privatsphäre positioniert. Für die ROK hat sich diese Position seit dem Ende der Sowjetunion stark verändert und mit dieser Veränderung fanden auch Anpassungen der sozialethischen Fragestellungen statt.

Das Forschungsprojekt stellt sich die Aufgabe, die Dynamik des sozialethischen Denkens der ROK seit der Perestroika in inhaltlicher und zeitlicher Perspektive zu systematisieren. Regina Elsner analysiert zum einen die theologischen Grundlagen der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Verortung der ROK, die Entwicklung der sozialethischen Positionierungen sowie alternative theologische sozialethische Konzepten. Zum anderen systematisiert sie, welche Parallelen und Brüche es zwischen der kirchlichen sozialethischen Positionierung und den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gibt, welche Konvergenzen und Divergenzen zwischen staatlichen und kirchlichen Interessen zu beobachten sind. Ihr Ziel ist es, genauere Aussagen über den Einfluss der sozialethischen Positionierungen der ROK auf die gesellschaftlichen Dynamiken in Russland angesichts innerer und äußerer Konflikte treffen zu können.

Jenseits der russischen Metropolen ist die Nähe der Kirche zum Alltag der Menschen entscheidender als politische Einflussnahme. © Denis Sinyakov/ n-ost