Moving Russia(ns): Weitergabe von Erinnerungen zwischen den Generationen im Ausland und in der Heimat (MoveMeRU)

Moving Russia(ns): Weitergabe von Erinnerungen zwischen den Generationen im Ausland und in der Heimat (MoveMeRU)

Russischstämmige Migrant*innen in Berlin auf einer Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges. IMAGO / Olaf Wagner

Dieses Projekt wird vom Europäischen Forschungsrat (ERC) im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms “Horizont 2020” der Europäischen Union unter der Vertragsnummer 101042339 gefördert. Es startet zum 01.09.2022.

Projektbeschreibung

Kinder von Migrant*innen wachsen mit zwei nationalen Geschichtsnarrativen gleichzeitig auf: dem des Landes, in dem sie leben, und dem des Herkunftslandes ihrer Familie. Wie die Weitergabe historischer Ansichten von einer Generation zur nächsten die Beziehungen von Migrant*innen zum „Hier“ und „Dort“ prägt, ist jedoch immer noch unklar.

MoveMeRU möchte auf der Grundlage von Theorien der intergenerationalen Weitergabe von Erinnerungen und des Transnationalismus in der zweiten Generation dazu beitragen, diese akute Forschungslücke zu schließen, und die historischen Erinnerungsprozesse von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund über zwei Generationen hinweg untersuchen. Erforscht werden russische Migrant*innengruppen in wohlwollend, feindseligen und neutralen Aufnahmeumfeldern in Deutschland, Estland und Kanada. Wie viele andere Autokratien nutzt auch Russland historische Erinnerungen, um die Gefühle seiner Bürger*innen im In- und Ausland anzusprechen und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Russland zu stärken.

MoveMeRU bringt mehrere Forschungsansätze zusammen:

  1. Meinungsumfragen in den drei Zielländern sowie in Russland zu historischen Ansichten unter jungen Erwachsenen und ihren Eltern sowohl in migrantischen Communities als auch in einer Referenzgruppe ohne Migrationshintergrund
  2. generationenübergreifende Fokusgruppen in denselben Ländern
  3. Analysen der historischen Narrative in Medien, die sich an russischsprachige Menschen im Ausland richten

Das Projekt wird zu einem besseren Verständnis der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der intergenerationalen Weitergabe von Erinnerungen in Familien mit und ohne Migrationshintergrund beitragen und wichtige Einsichten liefern, welche Faktoren die Integration von Migrant*innen unterstützen oder sie behindern. Die Ergebnisse werden erhebliche Implikationen für die politischen Entscheidungsprozesse in den Aufnahmeländern und die öffentliche Wahrnehmung intergenerationalen Wandels innerhalb migrantischer Communities haben.

Kernfragen

  • In welchem Maße identifizieren sich junge Erwachsene aus Familien mit und ohne Migrationshintergrund mit den Herkunftsländern ihrer Eltern und deren Geschichte?
  • Unter welchen Bedingungen decken die historischen Erinnerungen und politischen Einstellungen junger Erwachsener in Familien mit und ohne Migrationshintergrund sich mit denen ihrer Eltern? Unter welchen nicht?
  • Welche Formen der historischen Erinnerung tragen zu Solidarität und pluralistischen politischen Einstellungen einerseits oder Gleichgültigkeit und Intoleranz andererseits bei?

Arbeitspaket 1: Intergenerationale Umfragen

Welchen entscheidenden Einfluss die Familie auf die historischen Ansichten von Individuen und deren politisches Engagement hat ist in der Literatur oft gezeigt worden. Aufbauend auf diesen Forschungen stellt das Projekt die Familie als Analyseeinheit in den Mittelpunkt, um zu verstehen, wie historische Erinnerungen das Zugehörigkeitsgefühl und die politischen Ansichten von Individuen prägen. In Zusammenarbeit mit einem/r Postdoc wird die Projektleitung vier Onlineumfragen konzipieren und koordinieren, in deren Rahmen Eltern-Kind-Dyaden zu ihren historischen Ansichten, politischen Einstellungen und sozialen Werten befragt werden sollen.

Im Rahmen eines vergleichenden, intergenerational ausgerichteten Forschungsansatzes sollen die Umfragen untersuchen, welche Bedeutungen die Befragten verschiedenen historischen Ereignissen zuschreiben. So werden die Fragen zum Beispiel zeigen, was die Befragten von kontroversen historischen Figuren wie Josef Stalin oder Felix Dserschinskj und historischen Ereignissen wie dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder dem Zweiten Weltkrieg halten. Mithilfe eines Quiz soll auch das historische Wissen der Befragten getestet werden. Außerdem werden ihre politischen und sozialen Werte – ihre Einstellungen zu Demokratie, Geschlecht, Ethnizität, Multikulturalismus, Liberalismus, Patriotismus und so weiter – gemessen. Ziel ist es, ihre historischen Ansichten mit ihren politischen Einstellungen gegenüber der eigenen Gruppe und gegenüber Außenstehenden in Beziehung zu setzen.

Die Analyse von Umfragedaten macht deutlich, wie bestimmte Variablen auf der individuellen Ebene miteinander interagieren. Wenn historische Einstellungen und politische Werte untersucht werden, müssen jedoch die sozialen Effekte beachtet werden, denen junge Erwachsene durch die Communities und Länder, in denen sie aufwachsen, ausgesetzt sind. Deshalb bezieht MoveMeRU qualitative Daten mit ein, um die sozialen Dynamiken zu identifizieren, die für die Herausbildung historischer Standpunkte relevant sind. Das Projekt verfolgt also einen Mixed-Methods-Ansatz.

Arbeitspaket 2: Intergenerationale Fokusgruppen

Die Projektleitung und ein/e Postdoc werden zusammen Fokusgruppen in Deutschland, Estland, Kanada und Russland gestalten und koordinieren. Qualitative Forschung ist entscheidend, um die tieferliegenden Dynamiken zu verstehen, die den Prozess der intergenerationalen Weitergabe von Werten prägen. Fokusgruppen können auf einzigartige Art die soziale Einbettung von Werten einfangen. Ihre Ergebnisse sind zwar nicht verallgemeinerbar, können jedoch in Verbindung mit anderen Forschungsdaten zu einem tieferen Verständnis der Umfragedaten beitragen. Die Auswahl der Gruppen erfolgt anhand eines theoretisch fundierten, symmetrischen Forschungsdesign, das drei verschiedene Diskussionsphasen mit jeweils wechselnder Generationenzusammensetzung umfasst.

Arbeitspaket 3: Medienanalyse

Wie auch einige andere Autokratien mit einer großen Anzahl im Ausland lebender Staatsbürger*innen, versucht Russland über transnationale Medienkanäle das historische Weltbild russischsprachiger Menschen im Ausland zu beeinflussen. Zu diesen Medien gehören nicht nur bekannte Kanäle wie Sputnik oder RT, sondern auch eine Vielzahl von Seiten in den sozialen Netzwerken und Organisationen wie die Strategic Culture Foundation oder Plattformen wie New Eastern Outlook und Canadian Global Reach.

Eine Analyse des medialen Kontexts, in dem sich im Ausland lebende Russ*innen bewegen, kann maßgeblich dazu beitragen, die Logiken transnationaler Medien, ihre Zielgruppen und Akteure zu verstehen. Die in migrantischen Communities konsumierten Medien sind ein entscheidender Schlüssel, um die Ursprünge der historischen Ansichten innerhalb dieser Communities zu verstehen. Deshalb wird sich MoveMeRU im Rahmen von Fallstudien mit russischen Medien in Deutschland beschäftigen, die eine wichtige Zielscheibe russischer Desinformation darstellen.

Projektleitung