Osteuropa bei uns: Rückt der “Nationalismus aus der Ferne” gefährlich nah?

Osteuropa bei uns: Rückt der “Nationalismus aus der Ferne” gefährlich nah?

ZOiS Spotlight 5/2017 von Tatiana Golova (12.4.2017)

Migrantische Minderheiten wurden in der Geschichte und in der Gegenwart immer wieder kollektiv mit dem Verdacht konfrontiert, ihrem neuen Gemeinwesen gegenüber illoyal zu sein. Welche konkreten Formen dieser Verdacht annimmt, ist historisch verschieden. Neben staatlich organisierter Exklusion, etwa in Form von Internierung oder Berufsverboten, werden Minderheiten auch beim Zugang zu privaten oder kollektiven Gütern diskriminiert. Doch die Exklusion kann sich auch jenseits institutioneller Rahmen, in massenmedialen und alltäglichen Diskursen abspielen.

Seit etwas über einem Jahr werden in Deutschland Eingewanderte aus dem (post)sowjetischen Raum – in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf die größte Gruppe der „Russlanddeutschen“ oder gar „Russen“ reduziert – immer wieder solchen diskursiven kollektiven Verdächtigungen ausgesetzt. Ein wichtiger Auslöser dafür war der so genannte Fall Lisa, der schnell auch transnationale Facetten zeigte. Es ging um eine Minderjährige aus einer russlanddeutschen Familie in Berlin, die angeblich durch Flüchtlinge bzw. „Südländer“ entführt und vergewaltigt worden war. Es wurde über Messenger-Dienste mobilisiert, russische Medien berichteten tendenziös über den unfähigen bzw. gleichgültigen deutschen Staat, der dem Flüchtlingsproblem nicht gewachsen sei; es gab emotional aufgeladene und von Verunsicherung geprägte Kundgebungen, auf denen Reden auf Deutsch und Russisch gehalten wurden, und sogar der russische Außenminister versprach, sich gegebenenfalls um „unser Mädchen“ zu kümmern. Nachdem geklärt wurde, dass die Initialgeschichte nicht stimmte, war die Luft aus der Mobilisierung raus. Das Misstrauen gegenüber der wiederentdeckten „Gruppe“ aber blieb, und der genannte Fall wird immer wieder als Beispiel bemüht: Stehen die Russlanddeutschen unter dem Einfluss von russischen staatlichen Medien und sind eine Art Russlands „fünfte Kolonne“ in Deutschland? Werden sie zu Putins Geheimwaffe gegen Merkel? Wählen sie alle rechtspopulistische Parteien? Sind sie eine Gefahr für unsere Demokratie und unsere Sicherheit?

Manchmal wird damit ein politisches Missverhalten zugeschrieben, das eine Folge der fehlerhaften Integration in die deutsche Gesellschaft sei (zugespitzt formuliert: es seien eben doch immer noch „die Russen“). Besser, als durch den Begriff der Integration, bei dem die Migranten sich in einem Nullsummenspiel in die deutsche Gesellschaft integrieren sollen, wird die Situation allerdings durch das Konzept der Transnationalität erfasst. Zu komplexen transnationalen Verbindungen gehört, dass viele russischsprachige Migrant/innen auch russische Massenmedien nutzen. Das geschieht in einem grenzüberschreitenden, hybriden medialen Setting, in dem multiple Informationskanäle sich nicht mehr in Offline- und Online-Medien unterscheiden lassen und zunehmend individuell aggregiert und (re)produziert werden, z.B. über Social Media Platforms oder Messenger Dienste.

Auch in einer anderen Hinsicht hat das Bild der nicht gelungenen Integration vergleichsweise wenig Erklärungskraft. Die Daten der letzten Jahre zeigen, dass die Integration, vor allem bei der quantitativ bedeutendsten Kategorie der sogenannten Spätaussiedler, gemessen an den Standardkriterien durchaus erfolgreich ist. Inzwischen übernimmt die zweite Generation, hier geborene Kinder der großen russischsprachigen Einwanderungswelle der 1990er Jahre, die Bühne. Es sind junge Menschen, die ihre wichtigsten Sozialisationsinstanzen nur in Deutschland durchgelaufen haben (die als Kleinkinder Eingewanderten können dazugerechnet werden). Dass sie die russische Sprache in verschiedenen Lebensbereichen souverän anwenden und eine vom postsowjetischen Kulturraum geprägte Alltagskultur pflegen, ist nicht selbstverständlich, wie jüngste Studien zeigen. Die fortschreitende Akkulturation einer Einwanderergruppe bedeutet als solche aber noch nicht, so Sozialwissenschaftler Daniel Conversi, dass damit das Potenzial für ihre nationalistische Radikalisierung aufgehoben wäre: Die Angst, eine geteilte Herkunftsidentität durch kulturelle Anpassung zu verlieren, kann die Aufwertung dieser Identität und ihre politische Aufladung sogar begünstigen.

Für (post)sowjetische Migranten in Deutschland bedeutet das, dass ihre subjektive Bindung an Russland mit ihrer fortschreitenden Akkulturation nicht nachlassen muss. Dass viele von ihnen nicht aus Russland, sondern aus der Ukraine und Kasachstan kommen, ist zunächst unwesentlich. Eine nationalistische diasporische Identität ist nicht zwingend an einen Nationalstaat gebunden, wie etwa der Pan-Arabismus deutlich macht. Der beim russischen Staat und in der offiziellen Öffentlichkeit dominierende zivilisatorische Nationalismus (in den Begriffen von Aleksandr Verkhovsky und Emil Pain) ist damit durchaus kompatibel.

Die Frage nach potentiellen Sympathien für den zivilisatorischen Nationalismus und konservative Tendenzen in Russland (denen sie ja ohne direkte Konsequenzen für ihre Lebensrealität in Deutschland nachgehen können) ist eine empirisch noch zu klärende Frage. Eine besondere Brisanz bekommt dieses Thema des „Nationalismus aus der Ferne“ (long-distance nationalism, Benedict Anderson) bei in Deutschland lebenden Menschen aus dem postsowjetischen Raum dadurch, dass die meisten von ihnen als Spätaussiedler/innen über die deutsche Staatsbürgerschaft und ein aktives Wahlrecht verfügen. Folglich hätte eine solche Ausrichtung direkte politische Konsequenzen im deutschen nationalstaatlichen System.

Politische Mobilisierungen konkreter Identitäten sind allerdings keine Selbstläufer und niemals alternativlos. Der russländische bzw. (post)sowjetische Migrationshintergrund kann je nach der Kapitalstruktur, Lebenspraxis, Migrationsgeschichte und ihrer institutionellen Rahmung sehr unterschiedliche Formen annehmen. Zwei Momente erscheinen dabei besonders wichtig. Erstens, eine subjektive und identitäre Anbindung an Russland bedeutet nicht per se Loyalität gegenüber dem russischen Staat und Übernahme seiner dominanten Narrative. Einwanderer, nicht nur hochqualifizierte expats, benutzen alternative bzw. liberale kritische Medien, auch im transnationalen und hybriden Setting. Zweitens, alle Individuen in einer Einwanderungsgesellschaft, Einheimische und Zugewanderte, sind durch plurale, nicht alleine ethnische Identitäten geprägt. Welche von diesen möglichen Identitäten jeweils in den Vordergrund geholt wird und das Handeln mitbegründet, d.h. mobilisiert wird, wechselt. Anhand besonderer Identitäten kann auch zu allgemeinen Fragen mobilisiert werden. Für Russlanddeutsche und Kontingentflüchtlinge sind es beispielsweise Fragen wie Altersarmut (hier als Folge nicht-anerkannter Rentenansprüche) oder Anerkennung von kulturellen Kompetenzen (hier: Inklusion der zweiten Muttersprache in staatliche Curricula). Auch der Wunsch nach Sicherheit und die Frage, wer berechtigt ist, am Wohlstand der deutschen Gesellschaft teilzuhaben und wer nicht, wer dazu gehören soll und wer nicht – das sind keine Themen, die in Deutschland alleine Eingewanderte aus Russland beschäftigen. Inwiefern die von ihnen auch auf Russisch diskutierten Antworten und Identitätsangebote tatsächlich importiert werden oder ob sie auch in deutschen Gefilden wachsen und transnational verarbeitet werden, bedarf einer genaueren empirischen Betrachtung. Das ZOiS wird mit einer Pilotstudie im Rahmen des Projekts „Osteuropa bei uns: Transnationale Verflechtungen osteuropäischer MigrantInnen in Berlin“ dazu beitragen.


Tatiana Golova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS.