Kasachstan auf der Karte der russischen Literatur

ZOiS Spotlight 27/2017 von Nina Frieß (18.10.2017)

„Reading auf der großen Bühne“: Szenarische Lesung der Offenen Literaturschule Almaty (OLShA). © Nina Frieß

Im Jahr 2007 initiierte Witali Puchanow, russischer Dichter und Literaturaktivist, die Homepage Neue literarische Karte Russlands (russ. Novaja karta literatura Rossii). Ziel des Projekts ist es, einen umfassenden Überblick über die russische Literaturlandschaft der Gegenwart zu geben. Neben in Russland lebenden Autor*innen finden sich auf der Seite auch Schriftsteller*innen, die außerhalb Russlands schreiben. Insgesamt listet die Seite Literat*innen aus 33 Ländern, darunter neben ehemaligen Sowjetrepubliken Länder wie Australien oder Japan. Einzige – nicht näher definierte – Voraussetzung für die Aufnahme in die Datenbank ist, dass der oder die Autor*in seine/ihre Texte in russischer Sprache verfasst.

Die Verbreitung der russischen Sprache in Folge der Ausdehnung des Russischen Imperiums und später der Sowjetunion sowie großer Migrationswellen aus dem russischsprachigen Raum im Laufe des 20. Jahrhunderts hat dazu geführt, dass russische bzw. russischsprachige Literatur heute nicht mehr nur auf dem Territorium der Russischen Föderation entsteht. Dieser Tatsache trugen die literarischen Kartograf*innen um Puchanow Rechnung, als sie die Seite Anfang 2017 von Neue literarische Karte Russlands in Neue Karte der russischen Literatur (russ. Novaja karta russkoj literatury) umbenannten. In einer Meldung vom 30. Januar 2017 hieß es zu den Gründen: „Unter den aktuellen geopolitischen Umständen ist es wichtig, deutlicher zu verstehen, dass Russland kein Monopol auf die russische Literatur hat, deswegen hielten wir es für unabdingbar, den Namen eines Landes [also Russlands; NF] aus dem Projekttitel herauszunehmen.“[1] Mit dieser Änderung scheinen sich die Macher*innen der Seite auch von der ideologisch aufgeladenen Debatte rund um das Konzept der Russischen Welt (russ. Russkij Mir) abgrenzen zu wollen. Das Konzept, das anfangs als schwammiges, aber zumindest potenziell einendes Kulturkonzept für den postsowjetischen Raum verstanden werden konnte, diente dem Kreml schon bald zur Rechtfertigung seiner Interventionspolitik, etwa in Georgien oder der Ukraine.

Kasachstan als Teil der Russischen Welt?

Während sich die meisten in russischer Sprache schreibende Autor*innen mit der Idee einer über die Grenzen Russlands hinausgehenden russischen Kultur anfreunden können, lehnen viele den damit oftmals einhergehenden russischen Chauvinismus entschieden ab. So äußert sich der kasachstanische Poet und Literaturaktivist Pawel Bannikow auf die Frage, ob Kasachstan ein Teil der Russischen Welt sei, wie folgt: „Wenn es um die Russische Welt im Sinne Wladimir Putins geht: nein. Wenn wir aber von der Russischen Welt im Sinne von russischer Kultur, Literatur, Musik und Ballett sprechen, dann: teilweise ja. Hier [in Kasachstan; NF] leben viele Künstler, Literaten und Musiker, die die Tradition der russischen Kunst fortführen und ihr eine kasachstanische Note verleihen. In diesem Sinne: ja. Aber auf keinen Fall so, wie Mister Putin das versteht.“ Bannikow betreut für die Neue Karte der russischen Literatur die Sektion Kasachstan. Auch andere Literat*innen Kasachstans, mit denen ich während eines Forschungsaufenthaltes im Frühsommer 2017 sprechen konnte, teilen diese Ansicht. Sie gehören vor allem der jüngeren Generation an, den Zerfall der Sowjetunion haben sie als Kinder oder Jugendliche erlebt. Ihre literarische Sozialisation unterschied sich kaum von der ihrer Vorgänger*innen. Anders als diese profitierten sie jedoch nicht mehr von den Subventionen des staatlichen Literaturbetriebs. Mit der russischen Kulturtradition sehen sie sich aber dennoch verbunden. Pointiert bringt das der Dichter Kanat Omar zum Ausdruck, wenn er – Joseph Brodsky paraphrasierend – sagt: „Ich bin ein russischer Poet kasachischer Herkunft und mit […] kasachstanischem Pass.“[2]

Der staatlich regulierte Markt für Literatur brach mit der Sowjetunion zusammen, hat sich aber in Kasachstan im Gegensatz zu Russland bis heute nicht erholt. Und so kommt es, dass Kasachstans russischschreibende Autor*innen, wenn sie ihre Texte außerhalb des Selbstverlags und des Internets verbreiten wollen, nach Russland ausweichen. Dort gibt es neben einer regen Verlagslandschaft und literarischen Zeitschriften, die freilich nur noch in niedrigen Auflagezahlen erscheinen, auch eine Reihe von Literaturpreisen, die es russischsprachigen Autor*innen aus dem Ausland ermöglichen, sich zu profilieren. Große Bedeutung kam dabei bislang der sogenannten Russischen Prämie (russ. Russkaja Premija) zu, die seit 2005 einmal jährlich vom Jelzin-Zentrum für den besten außerhalb Russlands entstandenen russischen Text verliehen wird.[3] Unter den Preisträger*innen finden sich auffallend viele Literat*innen aus Kasachstan, beispielsweise Juri Serebrjanski und Ilja Odegow.

Literatur als freiestes Medium

Einer von mir befragten Expertin zufolge führt die Fokussierung auf den russischen Markt dazu, dass sich kasachstanische Autor*innen scheuen, in ihren Texten landesspezifische Themen aufzugreifen, da diese die Leserschaft außerhalb Kasachstans kaum interessierten. In der Tat sind viele der zeitgenössischen Texte nicht an den Handlungsort Kasachstan gebunden, obwohl sich in vielen Texten kasachstanische Realia finden lassen. Ob dafür das fehlende Leserinteresse verantwortlich ist, ist indes fraglich; schließlich gab und gibt es immer wieder Texte, die über die Grenzen des intratextuell beschriebenen kulturellen Raums Bedeutung entfalteten. Vielmehr erfordern die von Serebrjanski, Odegow und anderen aufgegriffenen Themen keinen kulturspezifischen Hintergrund.

Die Abhängigkeit vom russischen Buchmarkt ist zudem weniger ausgeprägt, als es auf den ersten Blick scheint: Zwar bieten Publikationen bei russischen Verlagen die Möglichkeit, sich in Russland und darüber hinaus einen Namen zu machen, denn viele in Russland gedruckte Bücher werden in andere Länder mit russischsprachiger Leserschaft exportiert, auch nach Kasachstan. Davon leben kann die Mehrzahl der Autor*innen aber nicht, so dass sie in der Regel noch einem ‚Brotberuf‘ nachgeht. Von einer offiziellen Zensur sehen sie sich in den wenigsten Fällen betroffen. Dies liegt auch an der schwindenden Bedeutung des Mediums Literatur, die zumindest von den Machthabern angenommen wird. Während die Presse und zunehmend auch das Internet zensiert werden, bleiben klassische Schriftsteller*innen weitgehend unbehelligt, so dass sie gegenwärtig – von einigen Tabuthemen wie etwa der Korruption in den herrschenden Eliten abgesehen – im Wesentlichen schreiben können, was sie wollen. Damit ist die Literatur derzeit das potenziell freieste Medium des postsowjetischen Raums.

Zwar sind die meisten Autor*innen weit davon entfernt, mit ihrer Literatur an sowjetische Traditionen der Herrschaftskritik (und auch der -legitimierung) anknüpfen zu wollen, sei es nun gegenüber dem russischen oder dem kasachstanischen Regime. Politisch sind ihre Texte dennoch: So lässt beispielsweise Juri Serebrjanski seine kosmopolitischen Protagonisten auf Reisen und auf die Suche nach ihrer eigenen Identität gehen – eine potenziell brisante Thematik in einer Region, in der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und deren Ideologie noch keines der konkurrierenden Identitätsangebote durchsetzen konnte. Kasachstans Literat*innen wirken mit solchen Texten an der Kartografierung der neuen russischen bzw. russischsprachigen Literatur mit. Wie genau diese Karte aussehen wird, an welchen Stellen und wie scharf Grenzziehungen erfolgen werden, ist derzeit allerdings noch offen.


[1] Auf der aktualisierten Seitenversion wird diese Meldung nicht mehr angezeigt.

[2] Das Adjektiv kasachisch ist ethnisch definiert, während kasachstanisch unabhängig vom Ethnos verwendet wird.

[3] Zuletzt gab es allerdings Unklarheiten darüber, ob die nicht regierungsnahe Stiftung ihr Engagement in diesem Bereich fortsetzen wird.


Nina Frieß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS. In ihrem aktuellen Projekt beschäftigt sie sich mit Literatur und Macht im postsowjetischen Raum.