Geschichte und Realität in Russland im Jahr 2017

ZOiS Spotlight 26/2017 von Jan C. Behrends (11.10.2017)

Kein Freund von Revolutionen: Präsident Putin möchte Massenproteste wie im Jahre 1917 vermeiden, hier dargestellt im Gemälde "Der Bolschewik" von Boris Kustodijew (1920).

Wladimir Putin glaubt nicht an Revolutionen. Als Schlüssel für seine Herrschaft sieht er Stabilität, Legitimität und Souveränität. Für das russische Staatsoberhaupt ist die Geschichte seines Landes jedoch von immenser Bedeutung, und er glaubt, dass Russland zu historischer Größe bestimmt ist. Während seiner Regierungszeit hat er sich selbst und sein Regime zu Garanten für Stabilität und Legitimität im postsowjetischen Raum erklärt. Man könnte sagen, dass die Spannung zwischen den Konzepten Revolution und Stabilität das Dilemma des Kremls im Jahre 2017 auf den Punkt bringt. Wie also kann Moskau das Jubiläum eines als peinlich betrachteten Ereignisses feiern?

Das heutige Russland ist eine weiße Macht: Wladimir Putins Beziehung zu revolutionärem Wandel ist eine moderne Version der Politik von Zar Nikolaus I. Dieser Reaktionär auf dem Thron war im 19. Jahrhundert Europas Gendarm gegen politischen Aufruhr. Zu seiner Zeit kämpfte Nikolaus I. entschlossen gegen jede Form von progressiver Politik. Er gründete die Ochrana, die Geheimpolizei des Russischen Kaiserreichs. Putins Bewunderung für das zaristische Russland ist so berühmt wie seine Verachtung für den Führer der Bolschewisten, Wladimir Lenin. Folglich wird die derzeitige russische Führungsriege keine ausgiebigen Feiern zum Revolutionsjubiläum im Oktober veranstalten. Der Kreml hat bereits vor langem entschieden, dass der „Große Vaterländische Krieg“ diejenige sowjetische Tradition ist, die das aktuelle Regime am besten legitimiert. Die Erinnerung an diesen Krieg stellt heute den Kern der russischen Geschichtspolitik dar. Ein Sieg macht sich schließlich besser als eine Revolution.

Die Oktoberrevolution gehört nicht mehr zum großen Geschichtsnarrativ, das die russischen Medien den Bürger*innen präsentiert. Sie passt nicht in das Bild des starken Staates, denn der offizielle Diskurs betont die Wichtigkeit von Kontinuität anstelle von Umbrüchen. Rückblickend fällt, sowohl vor als auch nach 1917, vor allem eine Kontinuität auf: die der Autokratie. Deutlich wurde das vor Kurzem bei der Eröffnung einer Galerie sowjetischer Autokraten in Moskau, von Lenin über Stalin bis zur postsowjetischen Ära. Die Medien waren (zurecht) empört darüber, dass Stalin wieder einmal die Anerkennung als großer Staatsmann zuteilwurde. Aber die eigentliche Botschaft an das russische Volk durch die Galerie von Führungspersönlichkeiten ist weitreichender: Wer auch immer an der Macht ist repräsentiert den russischen Staat, der stets fortbestand, und auch in Zukunft fortbestehen wird. Den aktuell Herrschenden kommt es gelegen, dass diese Perspektive den Stalinismus als eine weitere triumphierende Verkörperung der russischen Souveränität als „normal“ erscheinen lässt.

Lektionen aus der Geschichte

Abgesehen vom offiziellen Diskurs gibt es sicherlich Lektionen jenes Oktobers für die heutige russische Elite, über die offensichtlich weniger gesprochen wird. Der letzte Zar Nikolaus II. hat während seiner Herrschaft mehrere Fehler begangen, die Putin und seine Gefolgschaft tunlichst vermeiden wollen. Die gröbste Fehleinschätzung – die der letzte Monarch Russlands gleich zweimal wiederholte – war das Führen (und Verlieren) von unnötigen Kriegen. Das Russische Reich, hätte vermutlich weitaus länger existiert, wenn es nicht 1905 gegen Japan und 1914 gegen Deutschland und Österreich in den Krieg gezogen wäre. Es brach buchstäblich unter dem Druck des Krieges zusammen. Putin seinerseits reagierte 2014 und beendete das „Noworossija“-Projekt, das während des „russischen Frühlings“ nach der Annexion der Krim angestoßen wurde. Ihm war klargeworden, dass eine Eroberung von weiteren zehn ukrainischen Provinzen einen offenen Krieg bedeutet hätte. Der russische Präsident hatte verstanden, dass ein solches Szenario große Risiken mit sich bringen würde und gab sich deshalb mit den beiden halben ukrainischen Provinzen zufrieden, die er einnehmen konnte. Die zweite Lektion, die der Kreml gelernt hat, ist, sehr genau auf die öffentliche Stimmung zu achten -  auch und gerade, weil man sich nicht in einer Demokratie befindet. Die Herrschenden des Zarenreichs litten unter ihrer Abkapselung sowohl von der Elite (insbesondere der „Intelligenzija“) als auch vom Volk (dem „narod“, der bäuerlichen Gesellschaft). Der Kreml verwendet heutzutage viel Kraft und Mühe darauf, sich konstant eine Unterstützerbasis für das Regime aufzubauen und zu erhalten. Er versteht sich hervorragend darauf, Meinungsumfragen und Massenmedien zu nutzen. Dies hängt mit der nächsten Lektion zusammen, die das postsowjetische Russland sich zu eigen gemacht hat: den Leuten etwas zu geben, worauf sie stolz sein können. Durch Massenmedien und das Bildungssystem verbreitet der Kreml das Bild der Einzigartigkeit der russischen Kultur, während er gleichzeitig liberale Werte und den Westen diffamiert.

Nicht zuletzt hat Putins Russland vom Zusammenbruch im Jahre 1917 gelernt, wie wichtig es ist, die politische Opposition zu kontrollieren. Während Krisenzeiten, etwa 1905 und 1917, hat das zaristische Russland die Kontrolle über die Bevölkerung verloren und musste dann sowohl an die liberalen als auch die radikalen Gegner Zugeständnisse machen. Dies ließ die Machthaber schwach aussehen. Darüber hinaus verschaffte es der Opposition politische Bewegungsfreiheit und der russischen Gesellschaft die Gelegenheit, sich zu organisieren, miteinander konkurrierende Parteien zu gründen und sich schließlich zu bewaffnen. Es folgte der Zusammenbruch der Autokratie, die Auflösung des Staates und der Beginn des Bürgerkriegs. nach den Protesten im Jahr 2011 und der darauffolgenden Unterdrückung abweichender Meinungen wurde klar, wie entschlossen der Kreml jede Form organisierter Opposition zerschlagen will, bevor sie in Fahrt kommt.

Gemeinsame Ängste

Die Oktoberrevolution wird gegenwärtig geschickt hinter dem offiziellen Narrativ von Kontinuität starker Staatlichkeit ("gosudarstvennost'") und Großmachtstreben ("derzhavnost'") versteckt. Die historischen Ereignisse des Jahres 1917 waren der heutigen Autokratie eine Lehre. Trotzdem teilt die herrschende Elite immer noch eine große Gemeinsamkeit mit den letzten Zaren: die Angst, dass ihre Herrschaft als illegitim angesehen wird, und vielleicht noch spezifischer für die russische Geschichte, die tiefverwurzelte Angst, dass der russische Staat noch einmal scheitern und der Aufstand der Massen die Ordnung zerstören könnte. Die Sorge, das Land könne ins Chaos abgleiten, und das Misstrauen der Elite gegenüber der russischen Bevölkerung gehören zum bleibenden Erbe von Revolution und Bürgerkrieg. All das Beharren auf Stabilität und Legitimität dient also primär dazu, die Fragilität der bestehenden Autokratie zu kaschieren.


Der Historiker Jan C. Behrends ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und unterrichtet an der Humboldt Universität zu Berlin. Er forscht zur modernen Geschichte Osteuropas mit den Schwerpunkten moderne Diktatur, Stadtgeschichte und Gewalt. Im Februar 2017 hat er den Band „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution“ mitherausgegeben.