Russlands schwierige Annäherung an das Revolutionsjahr 1917

Fragmentierte Erinnerung

ZOiS Spotlight 2/2017 von Nina Frieß

Am 23. Februar 1917 gingen in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg, tausende Arbeiterinnen auf die Straße und forderten Brot und Frieden – sowie das Frauenwahlrecht. Das war der Beginn der ersten russischen Revolution des Jahres 1917. Die Februarrevolution läutete das Ende der Zarenherrschaft ein und bereitete damit der zweiten Revolution des Jahres, der Oktoberrevolution, den Weg, die schließlich die Bolschewiki an die Macht brachte. Nach der Kalenderreform von 1918, die den julianischen durch den gregorianischen Kalender ersetzte, fiel der 23. Februar auf den 8. März. Seit 1921 wird an diesem Tag der Internationale Frauentag begangen.

Am 8. März 2017 gratulierte der russische Präsident Wladimir Putin allen Frauen Russlands zum Internationalen Frauentag. Mit keinem Wort verwies er auf die Ereignisse, die 100 Jahre zuvor ihren Lauf nahmen. Auch in den Nachrichten spielten diese keine Rolle – stattdessen gab es Reportagen über Männer vor, während und nach dem Blumenkauf und Frauen, die sich über die Blumen freuten.

Ein Blick auf die mediale Berichterstattung am 8. März 2017 vermittelt den Eindruck, dass man sich in Russland mit der Erinnerung an das Jahr 1917 schwertut. Erst im Dezember 2016 setzte der Präsident ein Organisationskomitee ein, das über eine angemessene erinnerungskulturelle Einbettung des Revolutionsjahres beratschlagen soll. Am 23. Januar 2017 trat das Komitee erstmals zusammen. Wann es Vorschläge liefern wird, ist unklar – der erste Jahrestag, der der Februarrevolution, ist bereits verstrichen. Dass die Einordnung der Revolutionen von 1917 der russischen Führung solche Probleme bereitet, hängt mit der diffusen Geschichtspolitik des Landes zusammen. Erinnert wird heute vor allem an die positiven Seiten der russischen Geschichte, sei es an die Ausdehnung des russischen Imperiums unter der Herrschaft der Romanows oder an den Aufstieg der UdSSR zur Weltmacht nach dem Zweiten Weltkrieg. Negatives, wie die stalinistischen Repressionen, wird nicht unbedingt geleugnet, aber weitgehend ausgeblendet. Auf diese Weise entsteht eine fragmentierte Erinnerungskultur, die es einem Großteil der Bevölkerung ermöglicht, sich die Ereignisse und Figuren aus der Geschichte herauszupicken, die am besten in die eigene Weltanschauung passen.

Das Jahr 1917 birgt nun das Problem, dass sich zwei Ereignisse, die für die diffuse russische Erinnerungskultur der Gegenwart von Bedeutung sind, unmittelbar gegenüberstehen, aber schwer miteinander in Einklang zu bringen sind: Die Revolutionen bedeuteten das Ende der Ära der heute wieder verehrten Zaren, sie stürzten das Land ins Chaos und in einen jahrelangen Bürgerkrieg, der Millionen von Opfern forderte. Gleichzeitig ging erst aus den Revolutionen die Sowjetunion hervor, an die viele Bürger heute vor allem positive Erinnerungen haben.

Einer der wenigen russischen Spitzenpolitiker, der sich bislang mit einer Deutung des Jahrs 1917 hervorgewagt hat, ist Wladimir Medinskij. Der russische Kulturminister hielt auf einer Konferenz im Februar einen Vortrag über das Jahr 1917. Bereits der Titel der Konferenz gab dabei die Interpretationsrichtung vor: „Februar. Tragödie. Lektionen der Geschichte. Das Jahr 1917“. In der Tat beschreibt Medinskij die Februarrevolution als negative Zäsur, da sie zum Zusammenbruch jeglicher Staatlichkeit geführt habe. Nur ein Staat, ob nun Republik oder Monarchie, sei aber in der Lage, die Probleme eines Landes zu lösen. Zur Tragödie sei es gekommen, weil sich die verschiedenen politischen Kräfte nicht haben einigen können und nur auf ihren eigenen Vorteil aus gewesen seien. Wohin so etwas führe, ließe sich auch heute erkennen – im online gestellten Redemanuskript findet sich ein in Klammern gesetzter Hinweis auf die Parallelen zur heutigen Situation in der Ukraine, ohne dass diese jedoch näher ausgeführt würden. Medinskijs Botschaft ist klar: Die Einigkeit des Landes muss – auch und gerade heute – unter allen Umständen gewahrt bleiben.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass das Jahr 1917 zumindest in Wissenschaft und Kultur eine gewisse Aufmerksamkeit erfährt. So präsentieren die großen Historischen Museen Russlands Sonderausstellungen zum Revolutionsjahr oder bereiten diese vor, gleiches gilt für Fachkonferenzen. Das Museum für politische Geschichte in Sankt Petersburg zeigt allein in seinem Haupthaus im Laufe des Jahres 2017 zehn verschiedene Ausstellungen, die sich dem Revolutionsjahr widmen. Darunter ist beispielsweise eine Online-Ausstellung, in der in einem „Revolutionskalender“ jeden Monat ein anderes mit der Revolution verbundenes Artefakt vorgestellt wird. Auch in den russischen Medien finden sich seit Ende Februar zunehmend Berichte über das Jahr 1917: etwa eine Bildergalerie auf der Homepage der Zeitung Kommersant, eine Reportage darüber, warum das Jahr 1917 aus dem erinnerungskulturellen Kalender des Landes herausgefallen zu sein scheint, in der Zeitschrift Ogonjok, oder eine aufwendig produzierte sechsteilige Dokumentation mit dem Titel „Revolution LIVE“, die der TV-Sender NTV zeigte. Professionelle Erinnerungsarbeiter, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Medienmacher sind also durchaus bemüht, das Jahr 1917 nicht völlig aus dem erinnerungskulturellen Kalender des Landes herausfallen zu lassen. Was die russische Politik davon im Laufe des für sie schwierigen Gedenkjahres 2017 noch aufgreifen wird, bleibt jedoch abzuwarten.


Nina Frieß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS. Vor Kurzem erschien ihr Buch "'Inwiefern ist das heute interessant?' Erinnerungen an den stalinistischen Gulag im 21. Jahrhundert".