Der unvollständige Regenbogen

ZOiS Spotlight 10/2017 von Robert Deam Tobin (17.05.2017)

Starke Symbolkraft: Der nicht fertiggestellte "Bogen der Vielfalt" in Kiew. Foto: Inga Pylypchuk/n-ost

Der Eurovision Song Contest (ESC) wurde 1956 mit dem Ziel gegründet, Europa durch ein im Fernsehen ausgestrahltes Musikspektakel zu einen. Seitdem hat der er immer wieder die zunehmende Integration Europas widergespiegelt. Am ersten von der Europäischen Rundfunkunion organisierten Wettbewerb nahmen lediglich sechs Länder teil, die alle Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl waren, der Vorgängerorganisation der Europäischen Union (EU). Im selben Maße, wie die Europäische Gemeinschaft wuchs, stieg auch die Beteiligung am ESC. Nach dem Fall der Berliner Mauer beeilten sich die Staaten Osteuropas hinzuzustoßen: Die Zahl der teilnehmenden Länder stieg von mehr als 20 Anfang der 1990er Jahre auf mehr als 40 in den 2000er Jahren. Obwohl Fernsehübertragungen im 21. Jahrhundert an Bedeutung verloren haben, hat der ESC seinen Stellenwert sogar gesteigert – genauso wie die Anziehungskraft und Wichtigkeit eines vereinten Europas zugenommen hat. Mit mehr als 200 Millionen Zuschauer/innen bleibt das Interesse trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Sorge um die Zukunft der EU und Europas im Allgemeinen stark.

Eine liberale Haltung gegenüber sexuellen Belangen, insbesondere LGBT-Rechten, ist eines der Kennzeichen europäischer Identität geworden. In osteuropäischen Ländern hat dies Widerstand hervorgerufen. Russische Politiker warnten davor, dass es „schwule Paraden“ in Kiew geben werde, sollte die Ukraine eine pro-europäische Politik verfolgen, und stellten die Werte in Frage, die der Sieg der österreichischen Drag-Künstlerin Conchita Wurst beim Eurovision 2014 hervorhob. Im Gegenzug wurde Russland für die Unterdrückung von LGBT-Rechten und die tödliche Verfolgung homosexueller Männer in der russischen Republik Chechnya kritisiert. Europa hat bewusst die Rechte Homosexueller vorangetrieben. Beispielsweise fordert die Europäische Menschenrechtskonvention erfolgreich, die Diskriminierung auf Grundlage der sexuellen Orientierung abzuschaffen. Alle Mitglieder des Europarats, einschließlich Russland und der Ukraine, haben die Konvention ratifiziert.

In einem anlässlich des ESC geschriebenen Artikel erklärt Nash Mir, ein ukrainisches LGBT-Menschenrechtszentrum, dass „Reformen zur weiteren Integration Europas zu sichtbaren Veränderungen“ für LGBT-Personen führen sollten. Die lesbische Aktivistin Ruslana Panuchnyk sagte einem Zeitungsbericht zufolge, ukrainische Politiker wollten „Europa, aber nicht alles davon“, das heißt, nicht den Teil, der die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben unterstützt. Der Eurovision hielt auch 2017 mit dem Slogan „Celebrate Diversity“ seine liberale Tradition aufrecht. Am Ende des großen Finales wendeten sich die ukrainischen Moderatoren an die Zuschauer/innen und teilten ihnen mit, die Ukraine sei ein „tolerantes, modernes und sehr offenes Land“ (ab Minute 4:36 in diesem Video).

Die Sängerin Ruslana, die den ESC 2004 erstmals für die Ukraine gewann, ist seitdem als progressive Aktivistin bekannt. Aufgrund ihres Sieges war die Ukraine Gastgeber des ESC 2005 und der Beitrag des Landes in diesem Jahr, „Razom nas bahato“ („Zusammen sind wir mehr“), nahm ausdrücklich Bezug zum Aufruf der Orangenen Revolution. Der Eurovision war in der Ukraine also bereits mehrmals unverhohlen politisch. 2016 gewann Jamala mit dem Lied „1944“, in dem es um die Deportation der Krimtataren von der Krim durch Stalin geht. Der Song lenkte damit die Aufmerksamkeit auf die Annexion der Krim durch Russland im Jahre 2014 und die erneute Unterdrückung der Krimtataren. 2017 antwortete Russland auf den Sieg Jamalas mit der Nominierung von Julija Samoilowa, die auf der besetzten Krim aufgetreten war, und damit nicht legal in die Ukraine einreisen konnte. Kiew lehnte eine Ausnahme in ihrem Fall ab, woraufhin Russland sich aus dem Wettbewerb zurückzog. Allerdings betont die Entscheidung Russlands, eine körperbehinderte Sängerin zu nominieren, die gespaltene Haltung des Landes zu Diversität.

An zwei Orten zeigten sich die Spannungen rund um den ESC in der Ukraine deutlich. Das Eurovision-Dorf mit Souvenirs, Konzerten und Public Viewing befindet sich direkt neben dem Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, der das Zentrum der Orangenen Revolution 2004/2005 bildete sowie der Euromaidan-Bewegung 2013/2014, die in der Enthebung des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch endete. Die europäische Vielfaltsfeier harmoniert blendend mit diesen liberalen Momenten in der Geschichte der Ukraine, einem Umstand, dem etwa durch ein gewaltiges Banner mit dem Slogan „Die Freiheit ist unsere Religion“ ein Monument gesetzt wird. Gleichzeitig befindet sich in unmittelbarer Nähe zu diesen liberalen Gedenkstätten eine eindrückliche Ausstellung über die Verluste der ukrainischen Soldaten bei der Verteidigung ihres Landes im Zweiten Weltkrieg. Dort machen nun Männer ihre Runde und sammeln Geld für die Opfer des aktuellen Konflikts mit Russland im Osten des Landes.

Die Allianz zwischen Liberalismus und Nationalismus bricht vollends am so genannten „Arch of Diversity“ („Bogen der Vielfalt“) auseinander. Das Monument stammt aus Sowjetzeiten, wo es ursprünglich zum Gedenken an die ukrainisch-russische Freundschaft erbaut wurde. Die Organisator/innen des ESC versuchten, den Bogen für sich zu gewinnen und ihn als Symbol für Diversität in Regenbogenfarben zu bemalen. Ukrainische Ultranationalisten verstanden die Bedeutung der Regenbogenflagge und stoppten die Bemalung. Ein unvollständiger Regenbogen ist vielleicht kein so schlechtes Symbol für die Situation Homosexueller in der Ukraine, die zwischen Liberalismus und Nationalismus gefangen ist.


Robert Deam Tobin ist Professor für Sprache, Literatur und Kultur an der Clark University in Worcester, Massachusetts (USA). Als Germanist liegt sein Schwerpunkt auf den Zusammenhängen zwischen Literatur und Medizin, Sexualität, Gender und Menschenrechten. Er hat insbesondere zu Johann Wolfgang von Goethe und Thomas Mann publiziert.