"Geschichte ist wichtig, um die Ukraine-Krise zu verstehen"

Fünf Fragen an Alexandr Osipian zu seinem Paper über historische Mythen, Feindbilder und Regionalidentität im Donbass

Der Historiker Alexandr Osipian untersucht, wie russische Medien in ihren Berichten über die Ukraine-Krise mithilfe historischer Mythen Feindbilder erschaffen. Sein Fokus gilt im Besonderen der kulturellen Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg und den lokalen Identitäten in der Donbass-Region im Osten der Ukraine.

Alexandr Osipian. Foto: ZOiS

Sie schreiben, dass Propaganda dann am wirkungsvollsten ist, wenn sie vorhandene Meinungen und Überzeugungen bestätigt. Inwiefern trifft das auf die Darstellung der Ukraine-Krise in russischen Medien zu?

In der russischen Propaganda wird die Ukraine-Krise als ‚Kampf der Kulturen‘ dargestellt, um den von Samuel P. Huntington geprägten Begriff zu verwenden. Russland beschwört erfolgreich das Bild herauf, dass es die russische Minderheit in der Ukraine und die russischsprachigen Ukrainer/innen gegenüber den extrem rechten Nationalisten und den korrupten Mächten in Kiew und der Westukraine verteidige. In diesem Sinne ist die Ukraine das Schlachtfeld des „guten Russland“ und des „bösen Westens“ geworden. Aber für die Bevölkerung des Donbass selbst ist der Mythos vom goldenen Zeitalter, als ihre Heimat die am fortschrittlichsten entwickelte und industrialisierte Region der Ukraine war, viel wichtiger. Dieser Mythos, der bis ins späte 19. Jahrhundert zurückgeht, fungiert zugleich als wichtiges Symbol: In der Sowjetunion wurde die Arbeiterklasse des Donbass als die Avantgarde der kommunistischen Gesellschaft dargestellt. Der Zusammenbruch dieses Systems löste neben einer wirtschaftlichen und sozialen Krise auch eine Identitätskrise aus. Im Frühjahr 2014 erhofften sich viele Menschen aus der Arbeiterschicht eine industrielle Wiederbelebung durch einen Anschluss an Russland. Russland wurde als Öl- und Gaslieferant sowie als wichtiger Markt für die Maschinenhersteller des Donbass gesehen.

Trotzdem war die große Mehrheit der Bevölkerung des Donbass nicht bereit, zu den Waffen zu greifen.

Es gab während der Ereignisse im Frühjahr 2014 einen großen Unterschied zwischen der russischen Medienberichterstattung einerseits, und dem, was die Einheimischen in der Ostukraine dachten, erwarteten und befürchteten andererseits. Sie wollten wirtschaftliche Entwicklung, aber sie wollten auf keiner Seite der Front kämpfen. Viele derjenigen, die man als prorussisch bezeichnen kann, erwarteten, dass Russland ihre Provinz auf dieselbe Weise annektieren würde wie die Krim – ohne Waffen und Blutvergießen. Ihre Erwartungen waren pragmatischer Natur: Es ging um den Lebensstandard. Die eindringenden russischen Nationalisten dagegen erwarteten bewaffnete Unterstützung im Kampf gegen die Euromaidan-Bewegung, deren führende Köpfe sie als Faschisten und Neo-Nazis bezeichneten.

Warum wurde ausgerechnet diese Terminologie benutzt?

In der Sowjetunion wurde das Wort „Faschist“ als beleidigend und abwertend verwendet, jedoch ohne dass es eine Verbindung zu Mussolinis Italien hatte, wo es herstammt. Der Begriff wird seit Jahrzehnten als Synonym für „schlechte Menschen“ benutzt, sogar von Kindern. Das Ziel war hier also, die Personen, die sich im Euromaidan engagierten, zu den primären Feinden zu erklären. In der Sowjetunion der Nachkriegsära wurde die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf ganz bestimme Art geprägt. Es gab unzählige Zeremonien, Filme, Romane und Zeitungsartikel, die den Kriegsmythos kultivierten. Dieser Mythos ist seitdem im Gedächtnis vieler Generationen verankert. Die russische Propaganda bedient sich stark der Terminologie dieses historischen Mythos‘. Zum Beispiel wurde der Ausdruck „Schwarze Uniformen“, der ursprünglich die nationalsozialistischen SS-Truppen beschrieb, 2014 auf die ukrainische Nationalgarde bezogen.

Warum fiel diese Art der Propaganda auf derart fruchtbaren Boden?

Weil dieser Boden viele Jahre kultiviert wurde. Die Dämonisierung politischer Gegner hat eine lange Tradition in der Ukraine. Und insbesondere ab 2004 wurden die Geschichte und das kollektive kulturelle Gedächtnis absichtlich zu Teilen einer politischen Strategie. In der Ukraine herrscht – wie in anderen post-sowjetischen Staaten – ein Mangel an politischen Werten. Wichtige Themen wie die Gesundheitsversorgung, Bildung oder bezahlbarer Wohnraum fehlen auf der politischen Agenda. Um im Wahlkampf trotzdem von sich zu überzeugen, versuchen Politiker/innen den Wähler/innen zu zeigen, dass sie eine gemeinsame Erinnerung an die Vergangenheit teilen. Sie stellen ihre Gegner/innen so dar, dass diese eine andere historische Erinnerung haben, deren Helden in Wirklichkeit die Übeltäter sind. Die Geschichte ist wichtig, um die Ukraine-Krise zu verstehen. Auch in der Ukraine-Krise setzen die verschiedenen Parteien unterschiedliche kulturelle Erinnerungen ein: ein offizielles Narrativ, das die Geschichte der Ukraine als einen anhaltenden Kampf für Unabhängigkeit präsentiert, und ein anderes, das auf das im heutigen Russland propagierte sowjetische Geschichtsmodell zurückgeht. Die Wahrnehmung der ukrainischen Vergangenheit ist eine sehr schmerzhafte persönliche Entscheidung für viele. Hinzu kommt, dass es seit 2006 einen weiteren Beteiligten gibt, den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der verstanden hat, wie er die Spaltung der Ukraine zu seinem Vorteil nutzen kann.

Welches Ziel hat Putin mit dem Begriff Noworossija verfolgt?

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein historischer Mythos zu Propagandazwecken missbraucht werden kann. Das Gouvernement Noworossija auf dem Gebiet der heutigen Südostukraine existierte nur von 1764 bis 1802. Der Begriff Noworossija war mehr als 100 Jahre nicht gebraucht worden, als Putin ihn 2014 aufbrachte. Die Anwohner haben sich immer als dem Donbass zugehörig empfunden und waren sehr stolz darauf. Noworossija war etwas Neues und Unerwartetes. Aber in Russland selbst war der Mythos äußerst verlockend für die Nationalisten. Für sie war es eine Art gelobtes Land. Putin erkannte die Chance, diese aggressiven Kräfte aus dem Land hinaus zu kanalisieren, und damit die Stabilität innerhalb Russlands sicherzustellen. Auf diese Weise ebnete er den Weg für einen Einmarsch in die Ostukraine. Putin nutzte die Krise für seine eigenen politischen Ziele.


Der Historiker Alexandr Osipian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Taras Shevchenko National University of Kyiv, Ukraine, und ehemaliger Dozent des Kramatorsk Institute of Economics and Humanities in Kramatorks, Ukraine. Von April bis Juni 2017 ist er Gastwissenschaftler am ZOiS.


Osipian, Alexandr: Historical Myths, Enemy Images and Regional Identity in the Donbass Insurgency, in: Journal of Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Vol. 1, No. 1 (2015), pp. 109-140.