Pressemitteilung 30.05.2017

Mehr Einigkeit als erwartet im vom Krieg geteilten Donbass

Mehr Einigkeit als erwartet im vom Krieg geteilten Donbass

Eine neue Umfrage auf beiden Seiten der Front in der Ostukraine zeigt: Die öffentliche Meinung in den besetzten Gebieten ist differenzierter als erwartet. Die zunehmende politische Distanz zwischen den beiden Teilen des Donbass spiegelt sich in den Einstellungen der regionalen Bevölkerung nicht unbedingt wieder.

Seit 2014 herrscht Krieg in der Ostukraine. Er hat bereits um die 10.000 Todesopfer gefordert und etwa 2,8 Millionen Menschen aus der Region vertrieben. Die verbliebene Bevölkerung im Donbass hat bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren, das gilt besonders in den proklamierten Volksrepubliken Donezk und Luhansk (DNR/LNR). Der Zugang zur Region ist eingeschränkt und auch die Medien erhielten nur gelegentliche kurze Einblicke in die Situation vor Ort. Das neu gegründete Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) hat eine Umfrage in der gesamten Donbass-Region durchgeführt, sowohl in den von Kiew kontrollierten Teilen als auch in den besetzten Gebieten (dort telefonisch). Dafür wurden zwischen November und Dezember 2016 2.400 Menschen befragt.

Kontakte über die Frontlinie hinweg

Trotz der Teilung des Donbass in die proklamierten Volksrepubliken Donezk und Lugansk und die von Kiew kontrollierten Gebiete, erhält die Bevölkerung private Verbindungen über die Frontlinie hinweg aufrecht. Auch im Hinblick auf politische Einstellungen gibt es mehr Ähnlichkeiten zwischen beiden Teilen als angenommen. Überraschend einig sind sich die Menschen beispielsweise im Misstrauen gegenüber ukrainischen Institutionen oder in der Ablehnung einer EU- bzw. NATO-Mitgliedschaft. "Die Umfrage zeigt auch, dass der von Kiew kontrollierte Donbass in einigen Fragen eher den besetzten Gebieten ähnelt als dem Rest der Ukraine", so Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, Direktorin des ZOiS.

Differenziertes Bild in den besetzten Gebieten

Am stärksten unterscheiden sich die Einstellungen der Bevölkerung in beiden Teilen des Donbass hinsichtlich des Status' der besetzten Gebiete. Hier zeigt sich aber auch, dass die Meinungen der Bevölkerung in den proklamierten Volksrepubliken keineswegs einheitlich sind. "Unsere Umfragen zeigen, dass die Ansichten und Identitäten der Bewohner/innen der besetzten Gebiete differenzierter sind, als man annehmen könnte. Gemischte Identitäten bestehen fort bzw. werden stärker, und es besteht bei weitem kein Konsens über den Status der Gebiete", fasst Gwendolyn Sasse zusammen. Angesichts dieser regionalen Befindlichkeiten sollten sich internationale Bemühungen zur Lösung des Konflikts darauf zurückbesinnen, die Schaffung eines Sonderstatus' für die besetzten Gebiete zu unterstützen.

Publikation:
Sasse, Gwendolyn: The Donbas - Two parts, or still one? The experience of war through the eyes of the regional population, ZOiS Report 2/2017

Die vollständige Pressemitteilung mit Graphiken finden Sie hier als PDF.