Pressemitteilung 24.03.2017

Geflüchtete aus der Ostukraine: Gemischte Identitäten bleiben wichtig

Geflüchtete aus der Ostukraine: Gemischte Identitäten bleiben wichtig

Eine Umfrage unter Geflüchteten aus der Ostukraine zeigt erstmals, dass der Wandel in den politischen Identitäten durch den Krieg komplexer ausfällt als bisher angenommen. Trotz der Erfahrung von Krieg und Vertreibung fühlen sich viele stärker als beides – russisch und ukrainisch. Eine Rückkehr in die Heimat plant nur eine Minderheit.

Geflüchteter aus dem Donbass in Lemberg

Geflüchteter aus dem Donbass in der Westukraine. Foto: Simone Brunner / n-ost

Der Krieg in der Ostukraine hat viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Schätzungsweise eine Million Menschen flüchtete nach Russland, etwa 1,8 Millionen gingen in andere Teile der Ukraine. Bisher ist nur sehr wenig über sie bekannt. Ein Report des neu gegründeten Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) will das ändern. Die Ende 2016 durchgeführte Umfrage umfasst erstmals Geflüchtete sowohl in Russland als auch in anderen Teilen der Ukraine und ermöglicht es, zu erfahren, wie sich Krieg und Vertreibung auf die politischen Identitäten und Einstellungen der Menschen ausgewirkt haben.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass eine gängige Auffassung über die Identitäten in der Ostukraine korrigiert werden muss: „Bemerkenswert ist, dass sich zwar infolge des Krieges eine Verstärkung der russischen oder ukrainischen Identitäten abzeichnet, dass die gemischten Identitäten aber weiter wichtig bleiben oder sogar stärker werden“, erklärt Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, Direktorin des ZOiS.

Rückblickend gaben 27 Prozent der nach Russland Geflüchteten an, dass ihre wichtigste Identität vor fünf Jahren die ukrainische Staatsbürgerschaft gewesen sei, für heute sagen dies von sich dagegen nur sieben Prozent. „Dies zeigt gleichzeitig, dass sich auch diese Gruppe vor dem Krieg viel stärker mit dem ukrainischen Staat identifiziert hat und wesentlich integrierter war, als gemeinhin angenommen wird“, so Gwendolyn Sasse.

Aufschlussreich ist die Umfrage auch in Bezug auf die Rückkehrpläne der Ge­flüchte­ten. Auf die Frage, ob sie vorhätten zu bleiben, wo sie jetzt sind, antwortete der überwiegende Teil der Befragten mit „ja“. Die Mehrheit von ihnen plant demnach im Moment keine Rückkehr in ihre Heimat. Das trifft auf die Geflüchteten innerhalb der Ukraine in besonderem Maße zu, doch auch fast 65 Prozent der Geflüchteten in Russland machten diese Angabe. Dies erklärt sich wohl nicht zuletzt durch die persönlichen Verbindungen am Aufenthaltsort, welche bei beiden Gruppen in hohem Maße vorhanden sind.

Weitere Ergebnisse der Umfrage, etwa zur wirtschaftlichen Lage, den politischen Einstellungen und der Einschätzung des Konfliktes sowie detailliertere Analysen der Daten finden sich im aktuellen ZOiS Report: „The Displaced Ukrainians: Who are they, and what do they think?“ von Gwendolyn Sasse.

Die vollständige Pressemitteilung mit Graphiken finden Sie hier als PDF.