Stabilität und Wandel von politischen Regimen

Erste Projekte:

Gesellschaftliche Initiativen und staatliche Politik – ein postsowjetischer Vergleich

Im Zentrum des Forschungsvorhabens "Gesellschaftliche Initiativen und staatliche Politik – ein postsowjetischer Vergleich" stehen Kontroll- und Reformbemühungen gesellschaftlicher Akteure in der Interaktion mit staatlicher Politik und politischen Entscheidungsträgern im postsowjetischen Raum. In Zeiten eines beschleunigten sozialen Wandels, lassen sich verstärkte Forderungen nach einem Mehr an Transparenz, Rechenschaftspflicht und Teilhabe auch in den postsowjetischen Ländern feststellen. Das Projekt baut auf vorhandener Forschung zum Thema "Gesellschaftliche und öffentliche Kontrolle" auf und zielt darauf ab, diese mit Erkenntnissen aus der Sozialbewegungsliteratur zu verknüpfen. Der theoretische Rahmen des Projekts baut auf dem Konzept der "contentious politics" (McAdam, Tarrow and Tilly 2001) auf. Dabei soll der Blickwinkel insbesondere auf kontroverse Gesetzesprojekte der jüngsten Zeit eingegrenzt werden. Geplant sind drei strukturell unterschiedliche regionale Länderstudien. Das Ziel des Projekts ist es, Erkenntnisse zu gewinnen über gesellschaftliche Initiativen, u. a. Graswurzelbewegungen, die in den letzten Jahren in Erscheinung getreten sind.

Projektkoordination: Dr. Nadja Douglas

Literatur und Macht im postsowjetischen Raum

In dem Projekt Literatur und Macht im postsowjetischen Raum wird untersucht, welche Rolle russischsprachige Literatur in ausgewählten Ländern des postsowjetischen Raums heute spielt. Exemplarisch werden dafür Texte aus Armenien, Belarus, Kasachstan und Lettland untersucht. Diese Länder haben seit der Auflösung der Sowjetunion sehr unterschiedliche politische und ökonomische Entwicklungen durchlaufen. Ihre Bevölkerungsstrukturen unterscheiden sich stark voneinander, ebenso das Verhältnis, in dem sie zu Russland als dem de facto Nachfolgestaat der Sowjetunion stehen. Die russische Sprache ist in all diesen Staaten weiterhin präsent - auch in Form von literarischen Texten. Insgesamt können die Entwicklungen in diesen Ländern als repräsentativ für die Entwicklungen im post-sowjetischen Raum betrachtet werden.

Gefragt werden soll zunächst, was für russischsprachige Texte es in den einzelnen Staaten heute überhaupt noch gibt. Von Interesse sind dafür weniger literarische Importe aus Russland, sondern vielmehr Texte, die von einheimischen Autor/innen stammen. Für diese ist zu fragen, welche Themen sie verhandeln und welche Funktion sie haben. Da es in einigen der zu untersuchenden Staaten heftige Konflikte zwischen der Nominalnation und der russischen bzw. russischsprachigen Minderheit gibt, in die auch die Russische Föderation immer wieder eingriff, wird zu untersuchen sein, ob sich in diesen Texten nicht so etwas wie ein Fortbestehen der russischen Dominanz im jetzt postsowjetischen Raum erkennen lässt. Stehen diese Texte in einer sowjetischen Tradition, in der Literatur (bzw. Kultur) ein staatliches Instrument der Machtsicherung war - inzwischen außerhalb der Landesgrenze? (Konzepte wie das des Russkij Mir sprechen dafür.) Oder nutzen die Autor/innen ihre Texte, um Kritik am russischen Regime zu äußern? Nach Abschluss der Einzelanalysen soll eine vergleichende Analyse Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten Literaturen aufzeigen.

Neben der literaturwissenschaftlichen Analyse der Textinhalte soll durch Diskursanalysen und Experteninterviews auch die soziale Dimension der untersuchten Literatur erfasst werden.

Projektkoordination: Dr. Nina Frieß

Öffentlichkeiten von unten und Aktivismus in regionalen Machtzentren Russlands

Das Projekt geht der Frage nach, wie Bürgerengagement und öffentliche Mobilisierungen in russischen Großstädten durch alltagsweltlich verankerte und horizontal organisierte Kommunikationsprozesse geprägt sind. Die zentrale Frage soll anhand von drei Dimensionen präzisiert werden:

  • Alltag: Wie kommunizieren Angehörige verschiedener soziokultureller Milieus, auch solcher, die vom staatlichen Verteilungssystem abhängig sind, alternativ zu der Rolle als Publikum von Massenmedien? Welche kollektiven Deutungen werden dabei (re)konstruiert?
  • Mobilisierung: Wie konstituieren sich mobilisierte Öffentlichkeiten, d.h. Netzwerke, bei denen kollektives Handeln für bestimmte Ziele im Vordergrund steht? Beachtet werden unter anderem pragmatische, konservative und loyalistische Kampagnen.
  • Hybridisierung: Wie sind verschiedene Offline- und Online-Arenen der öffentlichen Kommunikation und der Mobilisierung miteinander verknüpft?

Das Projekt ist auf Millionenstädte fokussiert, die als Peripherie gegenüber Moskau und als regionale Machtzentren, die für die Konzentration humaner, finanzieller und administrativer Ressourcen stehen, von Bedeutung sind. Die Heterogenität ihrer Bevölkerung und eine Übersichtlichkeit der lokaler Szene erlauben es, Kommunikationsstrukturen verschiedener Milieus, auch im symbolischen Bezug aufeinander und in konkreten Interaktionen, zu explizieren.  Nowosibirsk und Samara wurden für eine Tiefen-Fallanalyse ausgewählt.

Die empirische Studie kombiniert verschiedene Methoden und Datenquellen, um unterschiedliche Perspektiven auf Öffentlichkeiten in Russland einzunehmen. Im Rahmen der Feldforschung werden Gruppendiskussionen mit Aktivisten und Angehörigen diverser sozio-kultureller Milieus durchgeführt. Ihre Auswertung mit dokumentarischer Methode zielt auf die Rekonstruktion von kollektivem Orientierungswissen anhand inhaltlicher Äußerungen und Formen der Diskursorganisation. Die Analyse der Online-Kommunikation hat einen Schwerpunkt auf lokalen Diskussionen und Mobilisierungen, unter anderem zu gesamtrussischen und transnationalen Entwicklungen. Sie kombiniert die automatisierte Abfrage und Vorsortierung von Daten zur Identifikation kommunikativer Verdichtungen mit manueller qualitativer Auswertung im Hinblick auf geteilte Deutungsrahmen und Interaktionsmuster. Zur besseren Verortung beider Fallbeispiele im gesamtrussischen Kontext sind Experteninterviews geplant.

Projektkoordination: Dr. Tatiana Golova

Politischer Wandel von unten? Die Lokalpolitik in der Ukraine

Dieses Projekt ist ein erster Versuch, die neuen politischen Kräfteverhältnisse auf der regionalen/lokalen Ebene in der Ukraine systematisch zu erfassen. Das Projekt beruht auf drei regionalen Fallstudien (Dnipro, Kharkiv und Odesa). Bisher sind diese Regionen von der Forschung und dem westlichen Mediendiskurs meist undifferenziert als Teil des (Süd-)Ostens der Ukraine dargestellt worden. Mit den politischen Veränderungen seit 2014 hat sich ein derartiges Verständnis endgültig als falsch erwiesen, aber die derzeitigen politischen Dynamiken sind uns weitgehend unbekannt. Sie sind für das wissenschaftliche Verständnis eines von regionaler Vielfalt gekennzeichneten Transformationslandes relevant und darüber hinaus eine Grundlage für die deutsche und europäische Politik bei der Einschätzung von lokalen Akteuren und Reformpotenzial. Eine wenig beachtete Tatsache ist, dass die Kommunalwahlen von 2015 ein wesentlich höheres Maß an politischer Diversität etabliert haben. Die Berichterstattung hat das Wiedererstarken der Oppositionspartei, einem Nachfolger der Partei der Regionen, betont, aber in vielen Schlüsselregionen war der Abstand zwischen einem Konglomerat aus Reformkräften und den Oppositionsparteien wesentlich geringer als allgemein angenommen. Trotz der Fragmentierung des Reformblocks auf nationaler Ebene, stellt sich die Frage nach den Mustern der Kooperation bzw. Konfrontation auf lokaler und regionaler Ebene auch vor dem Hintergrund der voranschreitenden Reform der lokalen Selbstverwaltung.

Dieses Pilotprojekt konzentriert sich auf drei Fragen: Wie wichtig sind parteipolitische Unterschiede auf regionaler/lokaler Ebene? Wie verhandeln/kooperieren/konkurrieren die Vertreter der verschiedenen Parteien und Interessensgruppen? Verändern sich diese Dynamiken mit den durch die Reform der lokalen Selbstverwaltung geschaffenen politischen und wirtschaftlichen Anreizen? Hinter diesen empirischen Fragen stehen größere konzeptuelle Fragen nach einer Demokratisierung „von unten“ und etwaigen Spannungsverhältnissen zwischen der nationalen und regionalen/lokalen Politik. Methodologisch sieht dieses Projekt eine Analyse der Diskussionen und des Abstimmungsverhaltens in den Kommunalversammlungen vor. Hinzu kommen Interviews mit regionalen/lokalen PolitikerInnen und JournalistInnen.

Projektkoordination: Prof. Dr. Gwendolyn Sasse